OpenAI hat am 15. Mai eine Finanz-Funktion in ChatGPT freigeschaltet: Pro-Abonnenten in den USA können ihre Bank- und Broker-Konten via Plaid verknüpfen und Fragen zu Ausgaben, Investments und Steuern stellen. Bequemlichkeit gegen Daten-Tiefe – und das mitten in einer Sammelklage um geleakte ChatGPT-Konversationen.
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ChatGPT wird zum Finanz-Cockpit: 12'000 Banken in Reichweite, Plaid als Schleuse – aber der Vertrauenseinbruch beim Datenschutz kommt in der schlechtesten möglichen Woche.
OpenAI hat am 15. Mai in den USA das Preview einer neuen Finanz-Funktion in ChatGPT gestartet: Pro-Abonnenten können ihre Banken, Broker und Kreditkarten verknüpfen und das Modell zu Spending-Mustern, Subscriptions, Portfolios oder anstehenden Zahlungen befragen. Dahinter steckt eine Partnerschaft mit dem Finanz-Aggregator Plaid, der bereits 12'000 Institute anbindet – darunter Schwab, Fidelity, Chase, Robinhood, American Express und Capital One.
Technisch sieht ChatGPT deine Logins nie. Plaid übernimmt die Authentifizierung via Token-Mechanismus – das ist Branchen-Standard für Apps wie Venmo, Wealthfront oder die Mint-Nachfolger. Was ChatGPT bekommt, sind Salden, Transaktionen, Investitionen und Verbindlichkeiten. Komplette Kontonummern bleiben verborgen, Änderungen am Konto sind nicht möglich – kein Geld bewegen, kein Trade auslösen.
Mit den verknüpften Daten zeigt ChatGPT ein neues Dashboard mit Portfolio-Performance, Ausgaben, Abos und kommenden Zahlungen. Wer die Konten verknüpft hat, landet automatisch im GPT-5.5 Thinking-Modell – dem Reasoning-Modell, das laut OpenAI besser mit Zahlen und Tradeoffs umgehen kann. Die nächste Stufe ist bereits angekündigt: eine Intuit-Integration soll Steueranalysen oder Kreditkarten-Genehmigungs-Wahrscheinlichkeiten ermöglichen.
Die Funktion ist kein Experiment, sondern eine bewusst grosse Wette. OpenAI selber beziffert, dass mehr als 200 Millionen Nutzer schon heute monatlich Finanzfragen an ChatGPT stellen – meist ohne Kontext, ohne reale Zahlen, ohne Steuersituation. Mit der Konto-Anbindung wird aus dem Allerwelts-Berater plötzlich ein personalisiertes Finanz-Cockpit, das Robinhood, Mint, Monarch und SoFi gleichzeitig im Visier hat.
Der Plan: Zuerst Feedback von Pro-Usern sammeln, dann auf Plus-Abos erweitern. Eine US-only-Beschränkung gilt aktuell – wie immer bei Plaid-Integrationen. Für die Schweiz heisst das: vorerst nichts. Plaid hat hier kein flächendeckendes Open-Banking-Netz, und FINMA-Anforderungen rund um Konto-Aggregation sind enger als in den USA.
Die Resonanz auf X und Reddit war innerhalb von Stunden überwiegend skeptisch. «Welcher normale Mensch übergibt OpenAI diese Tiefe an Zugriff?», fragte ein User – und ein zweiter erinnerte daran, dass OpenAI gerade eine Sammelklage in Kalifornien am Hals hat. Der Vorwurf: ChatGPT-Webseiten hätten Meta-Pixel- und Google-Analytics-Tracker eingebettet, was unter anderem Chat-Themen, User-IDs und E-Mail-Adressen für Werbe-Targeting an Meta und Google geleitet habe.
Plaid selber war 2022 schon einmal mit einer 58-Millionen-Dollar-Sammelklage konfrontiert, weil das Unternehmen mehr Finanzdaten gesammelt hatte als von den Nutzern abgesegnet. Die Vergangenheit der beiden Partner ist also genau das, was Vertrauen jetzt schwer macht.
Auch wenn die Funktion in der Schweiz nicht verfügbar ist, lohnt es sich, jetzt nachzudenken. Was würdest du teilen? Salden sind eine andere Liga als Chat-Verläufe. Wenn ChatGPT künftig auch in Europa Konto-Anbindungen anbietet, gilt: lesen, was OpenAI mit den Daten trainieren darf, prüfen, ob die Einstellung «Train on my data» auch für Finanz-Inputs gilt, und im Zweifel die Information lieber manuell tippen statt automatisch synchronisieren.
OpenAI verspricht, ChatGPT bleibe werbefrei – das ist mit Blick auf die Sammelklage erstmal eine wichtige Zusicherung. Aber zwischen «keine Werbung» und «keine Datennutzung» liegt für Finanzdaten ein meilenweiter Unterschied. Diese Woche wird zeigen, ob OpenAI nochmal klarstellen muss, wo genau die Mauer steht.