In Genf startet der erste UNO-Dialog zur weltweiten KI-Governance. 193 Staaten und ein 40-köpfiges Wissenschaftspanel warnen vor «katastrophalem Schaden» – verbindliche Regeln gibt es aber noch keine.
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Die UNO bringt in Genf erstmals alle 193 Staaten an einen KI-Governance-Tisch – unverbindlich, aber mit der Schweiz als Gastgeberin des nächsten Welt-KI-Gipfels 2027.
Kann künstliche Intelligenz der ganzen Menschheit nutzen – sicher, fair und ohne «katastrophalen Schaden» anzurichten? Mit dieser Frage startet an diesem Montag in Genf der erste Global Dialogue on AI Governance der Vereinten Nationen. Zwei Tage lang ringen Regierungen, Tech-Konzerne, Forschung und Zivilgesellschaft im Palexpo um gemeinsame Leitplanken für eine Technologie, die schneller wächst als die Regeln, die sie einhegen sollen.
Der Global Dialogue ist von der UNO-Generalversammlung eingesetzt worden und ist die erste Plattform der Vereinten Nationen, an der alle 193 Mitgliedstaaten gemeinsam mit Privatwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über KI-Governance verhandeln. Den Vorsitz teilen sich die Botschafterin El Salvadors, Egriselda López, und der estnische Botschafter Rein Tammsaar.
Wer sich davon fertige Gesetze erhofft, wird enttäuscht: Das Format ist ausdrücklich nicht bindend. Es soll gemeinsame Prioritäten sichtbar machen, nicht einheitliche Regeln erzwingen. Zum Abschluss am Dienstag geben die beiden Vorsitzenden lediglich eine Zusammenfassung heraus.
Inhaltlich gespeist wird der Dialog vom Independent International Scientific Panel on AI – einem 40-köpfigen Gremium unabhängiger Fachleute, das am 1. Juli seinen ersten Bericht vorgelegt hat. Dessen Co-Vorsitzende liefern die schärfsten Töne.
Die Wissenschaft kann derzeit nicht garantieren, dass KI mit wachsenden Fähigkeiten keinen katastrophalen Schaden anrichtet – weder von selbst noch durch böswillige Nutzer.
So fasst es der KI-Pionier Yoshua Bengio zusammen. Er verweist auf zunehmende Hinweise auf täuschendes Verhalten von KI-Systemen. Die Journalistin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa, ebenfalls im Panel, spricht von einem «Informations-Armageddon»: «Die Welt kann nicht regieren, was sie nicht versteht.»
Ein zweites Thema zieht sich durch die Eröffnung: die Kluft zwischen wenigen KI-Mächten und dem Rest der Welt. Die führenden Entwickler sind laut Tammsaar praktisch auf zwei Länder konzentriert – die USA und China. Für alle anderen Staaten bleibe damit viel Ungewissheit.
Besonders Entwicklungsländer fürchten, im schlimmsten Fall abgehängt zu werden. «Der KI-Graben ist real», sagt Co-Vorsitzende López. Während einige Staaten über starke Infrastruktur, Talente und Forschung verfügten, kämpften andere noch mit Konnektivität und Grundversorgung.
Für die Schweiz ist der Ort mehr als Kulisse. Genf positioniert sich als multilaterale KI-Drehscheibe: Direkt im Anschluss an den Global Dialogue veranstaltet die Internationale Fernmeldeunion (ITU) vom 7. bis 10. Juli im selben Palexpo ihren AI for Good Global Summit. Und der nächste Welt-KI-Gipfel im Format der grossen Staatentreffen kommt 2027 in die Schweiz – nach Genf.
Konkret für dich heisst das: Die Debatte, welche Regeln für ChatGPT, Claude und Co. weltweit gelten, wird gerade ein Stück weit vor der eigenen Haustür geführt. Ob daraus mehr wird als eine Absichtserklärung, hängt am Willen der Mitgliedstaaten. Oder wie es UNO-Generalsekretär António Guterres auf den Punkt bringt: «Die Frage ist, ob wir diesen Wandel gemeinsam steuern – oder ob er uns steuert.»