Anthropic beschuldigt Alibaba, mit 25'000 Fake-Konten fast 29 Millionen Mal Claude abgefragt zu haben – um daraus ein eigenes Modell zu destillieren. Es sei der grösste bekannte Angriff dieser Art auf das Unternehmen.
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Anthropic wirft Alibaba vor, Claude im grossen Stil kopiert zu haben – und macht daraus eine Frage der nationalen Sicherheit.
Anthropic hat in einem Brief an den US-Senat schwere Vorwürfe gegen Alibaba erhoben: Der chinesische Tech-Konzern soll mit rund 25'000 gefälschten Konten fast 29 Millionen Mal Claude angezapft haben – um daraus ein eigenes Modell zu bauen. Anthropic nennt es den grössten bekannten Angriff dieser Art auf das Unternehmen.
Der Brief ist auf den 10. Juni datiert und ging an die Spitze des Senats-Bankenausschusses – Vorsitzenden Tim Scott und das ranghöchste demokratische Mitglied Elizabeth Warren. Öffentlich wurde er am 24. Juni. Darin beschreibt Anthropic eine Kampagne, die zwischen dem 22. April und dem 5. Juni lief: etwa 25'000 betrügerische Konten erzeugten mehr als 28,8 Millionen Austausche mit Claude.
Die Anfragen zielten laut Anthropic gezielt auf die Stärken des Modells – auf eigenständiges Schlussfolgern, Software-Entwicklung und das Lösen langer, mehrstufiger Aufgaben. Verantwortlich sei ein Umfeld rund um Alibaba und dessen KI-Labor Qwen. Alibaba hat sich öffentlich bisher nicht zu den Vorwürfen geäussert.
Im Zentrum steht eine Technik namens Distillation (zu Deutsch etwa: Destillation). Dabei wird kein Code und werden keine Modellgewichte gestohlen. Stattdessen fragt der Angreifer das starke Modell millionenfach ab, sammelt die Antworten und trainiert damit ein eigenes, günstigeres Modell darauf, das Verhalten nachzuahmen.
Der Clou: Das Kopiermodell erbt die Fähigkeiten – nicht aber die teure Entwicklung dahinter. Wer Hunderte Millionen in ein Spitzenmodell investiert, dem kann so für einen Bruchteil der Kosten die Leistung abgegriffen werden.
«Diese Angriffe verwandeln hunderte Milliarden Dollar an amerikanischer Forschung und Entwicklung in eine gigantische Subvention für unsere geopolitischen Konkurrenten.»
So formuliert es Anthropic in dem Schreiben – und rückt damit ein technisches Problem bewusst in einen wirtschaftlich-politischen Rahmen.
Es ist nicht das erste Mal. Bereits im Februar hatte Anthropic den chinesischen Laboren DeepSeek, Moonshot AI und MiniMax vorgeworfen, zusammen rund 16 Millionen Anfragen über etwa 24'000 Fake-Konten abgesetzt zu haben. Die jetzt offengelegte Alibaba-Kampagne übertrifft diese drei zusammen.
Anthropic beschreibt ein Muster, das mit jeder Welle ausgefeilter werde und besser darin, einer Entdeckung zu entgehen. Pikant: Alibaba wehrt sich parallel gegen eine Einstufung des US-Verteidigungsministeriums, das den Konzern auf eine Liste «chinesischer Militärunternehmen» gesetzt hat.
Der eigentliche Sprengstoff liegt nicht im Diebstahl allein. Ein aus Claude destilliertes Modell kann dessen Fähigkeiten annähern – ohne die Sicherheitsmechanismen zu übernehmen, die Anthropic eingebaut hat: keine Constitutional-AI-Leitplanken, keine Nutzungsregeln, keine Zugangskontrollen. Übrig bleibt Leistung ohne Bremse.
Genau deshalb landet der Fall im Senat und nicht nur vor Gericht. Die Senatoren Bill Hagerty und Andy Kim wollen einen Zusatz ins Verteidigungsgesetz einbringen, um solche Kampagnen mit Sanktionen zu belegen. Aus einem Firmenstreit ist eine Frage der nationalen Sicherheit geworden.
Für dich als Nutzer – ob privat oder im Schweizer KMU – zeigt der Fall etwas Grundsätzliches: Welches KI-Modell du einsetzen kannst, hängt längst nicht mehr nur an Benchmarks und Preis, sondern an Herkunft, Governance und geopolitischem Vertrauen. Das Rennen zwischen den USA und China entscheidet mit, welche Werkzeuge dir morgen offenstehen.
Kurz gesagt: Wer ein KI-Modell wählt, wählt zunehmend auch eine Seite – und sollte wissen, woher die Fähigkeiten kommen, auf die er sich verlässt.