Anthropic liess ein internes Claude-Forschungsmodell rund 64 Stunden weitgehend autonom Minibinder-Proteine gegen fünf Skorpion-Neurotoxine entwerfen. Von 211 im Labor getesteten Designs erfüllten 17 die Binder-Kriterien, die stärksten erreichen einstellige nanomolare Affinität. Ein Gegengift ist das nicht: Getestet wurde nur die Bindung an rekombinante Toxine.
KI-Beratung und Softwareentwicklung aus dem St. Galler Rheintal.
KI-Forschung liefert im Labor echte Binder gegen Skorpiongifte, bis zu einem wirksamen Antivenom ist es aber noch ein weiter Weg.
Anthropic hat ein internes Claude-Forschungsmodell rund 64 Stunden lang weitgehend selbstständig kleine Proteine entwerfen lassen, die an Skorpiongifte andocken sollen. Von 211 im Labor getesteten Designs erfüllten 17 die Kriterien eines Binders, wie Anthropic am 20. Oktober 2026 mitteilt. Ein Gegengift ist das ausdrücklich nicht: Getestet wurde nur, ob die Proteine an die Toxine binden, nicht, ob sie diese auch unschädlich machen.
Die Aufgabe: sogenannte Minibinder entwerfen, also winzige Proteine, die gezielt an ein anderes Molekül haften. Als Ziele dienten fünf Nervengifte von Skorpionen aus Mexiko, Brasilien, Nordafrika und dem Nahen Osten. Laut Anthropic arbeitete Claude die ersten 24 Stunden nach dem Startauftrag allein, danach gab es vier Folgeaufträge.
Das Modell nutzte 12 Entwurfswerkzeuge und erzeugte 318'484 Designs. Dazu kamen 553'052 Simulationen, in denen jeweils ein Design und ein Toxin virtuell zusammengesetzt wurden (Co-Folding). Claude wählte 180 Designs aus, 31 weitere kamen mit seiner Hilfe dazu. Aufgewendet wurden rund 10'000 GPU-Stunden. Als Partner nennt Anthropic die Investmentforschungsfirma Citrini Research, die Labortests übernahmen Adaptyv Bio und Twist Bioscience.
Als Treffer galt, wer in allen Messungen beider Labore an das Toxin band, eine Bindungsstärke von mindestens 1 Mikromolar erreichte und nicht an ein Kontrollprotein haftete. 17 der 211 Designs (rund 8 Prozent) schafften das:
Bei den 60 Designs, die auf je ein einzelnes Toxin zielten, waren es 11 Treffer (18 Prozent) – laut Anthropic im üblichen Rahmen solcher Kampagnen. Designs, die gleich mehrere Toxine abdecken sollten, scheiterten durchwegs. Die stärksten Binder, Cn2-B1 und Cn2-B2, erreichen eine Bindungsstärke im einstelligen nanomolaren Bereich. Zum Vergleich: Für drei bekannte Antikörper oder Nanobodies gegen Cn2 oder AaH II sind laut Anthropic Werte unter 1 Nanomolar berichtet, sie binden also noch fester.
Der Haken steckt im Kleingedruckten. Die Proteine wurden nur gegen im Labor hergestellte Toxine geprüft, nicht gegen echtes Gift. Ob sie in Zellen oder Tieren etwas neutralisieren, ist offen. Anthropic selbst betont, kein Gegengift entwickelt zu haben. Nächste Schritte wären Tests mit Gift aus Skorpionen, Messungen an Ionenkanälen und Mausversuche. Hinzu kommt: Die Ergebnisse stehen in einem technischen Bericht, nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift, wie Interesting Engineering festhält.
Der Hintergrund ist ernst. Skorpione stechen laut Anthropic jährlich mindestens 1,2 Millionen Menschen und fordern über 3'250 Todesopfer, vor allem Kinder in Regionen mit schlechtem Zugang zur Medizin.
Alle 211 Designs samt vorhergesagten Strukturen und Messdaten hat Anthropic auf Hugging Face veröffentlicht, andere Teams können die Resultate also nachprüfen. Die externen Fachleute Susana Vázquez Torres und Timothy Jenkins nennen das Projekt laut Anthropic einen vielversprechenden ersten Schritt; Jenkins: Ein Binder gegen praktisch jedes Ziel zu entwerfen, wirke nicht mehr unrealistisch. Das ist eine Einschätzung, die Anthropic auf der eigenen Seite wiedergibt.
Einordnung: Ende September berichteten wir, wie Claude in 21 Stunden ein neues Enzymsystem fand. Der Skorpion-Versuch zeigt, wie weit autonome KI-Forschung inzwischen im Labor ankommt – und wo sie aufhört: Zwischen Bindung an ein Toxin und einem wirksamen Medikament liegen noch viele Studien.
Anthropics Red Team warnt in einer Studie, kleine Modelle könnten in Monaten fähig sein, sich auf günstigen Geräten wie Android-TV-Boxen selbst zu verbreiten. Der Test war bewusst vereinfacht.