Innerhalb weniger Stunden positionieren sich zwei Schweizer ICT-Verbände gegensätzlich zur KI-Politik. Swico will weniger Regulierung, SwissAI fordert verbindliche Souveränitätskriterien in der öffentlichen Beschaffung.
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Die Schweiz muss sich zwischen offenem Marktplatz und souveräner Infrastruktur entscheiden – und macht wohl beides.
Am Freitag haben zwei Schweizer ICT-Verbände innert weniger Stunden Position bezogen – mit gegensätzlicher Stossrichtung. Swico, der Branchenverband von Microsoft Schweiz, HPE und Google, warnt vor «Schweizer Sonderregeln» für KI. SwissAI, der Verband rund um die Schweizer KI-Initiative und EPFL-affine Spin-offs, fordert dagegen, dass der Bund digitale Souveränität verbindlich in der Beschaffung verankert. Beide Stimmen prägen jetzt die Debatte darüber, wie die Schweiz auf den globalen KI-Boom reagiert.
Swico-Präsident Adrian Müller warnte an der GV 2026 vor den Folgen des weltweiten KI-Booms: steigende Rechenzentrumskosten, Chip-Engpässe und wachsende Unsicherheit. CEO Jon Fanzun nannte KI, Cybersicherheit, Cloud-Infrastruktur und Datenpolitik «entscheidend für den Wirtschaftsstandort Schweiz». Sein konkreter Punkt aber war ein anderer: Politische Vorstösse zur KI-Regulierung und die Revision der Überwachungsverordnung VÜPF bekamen ein deutliches Veto. «Schweizer Sonderregeln könnten den Standort schwächen», so Fanzun.
Den Abschluss machte Marcel Salathé, Co-Director des AI Center der EPFL. Sein Befund: Die Schweiz habe viele gut ausgebildete KI-Fachkräfte, kämpfe aber mit Engpässen bei Rechenkapazität, Energie und Datenzugang.
Knapp zwei Stunden später meldete sich SwissAI zu Wort – mit einer Forderung, die genau in das Vakuum stösst, das Swico offenhalten will. Der Verband warnt vor einer strukturellen Abhängigkeit der Schweiz und Europas bei KI- und Cloud-Infrastrukturen. Bundesverwaltung, staatsnahe Betriebe und kritische Infrastrukturen sollen bei KI- und Cloud-Lösungen verbindliche Kriterien anwenden:
Als warnendes Beispiel nennt der Verband DeepL. Der deutsche Übersetzungsdienst gilt als europäische Alternative zu US-Anbietern – betreibt seine Skalierung aber über Amazon Web Services. SwissAI argumentiert: Selbst ein führendes europäisches Unternehmen sei am Ende auf einen US-Hyperscaler angewiesen. Für die Schweiz gehe es bei digitaler Souveränität deshalb um mehr als Datenschutz – es sei eine Grundlage der Neutralität.
Was bei oberflächlicher Lektüre wie eine Detailfrage wirkt, ist ein echter Strategie-Konflikt:
Position | Swico | SwissAI
Regulierung | Möglichst wenig Schweiz-Spezifisches | Verbindliche Souveränitäts-Kriterien in der Beschaffung
Cloud-Frage | Internationale Hyperscaler sind essenziell | Echte Wahlfreiheit muss garantiert sein
Standortlogik | Standort über offene Märkte | Standort über lokale Lieferketten
Beide Verbände wollen die Schweiz wettbewerbsfähig halten. Aber sie definieren Wettbewerbsfähigkeit unterschiedlich. Für Swico ist es Zugang zu globalen Tools und Talenten – inklusive der grossen US-Stacks. Für SwissAI ist es die Fähigkeit, in einer Krise nicht abhängig zu sein.
Wenn du heute IT-Entscheidungen triffst – ob für ein KMU, eine Verwaltung oder dein eigenes Start-up – wirst du diese Debatte in den nächsten Monaten konkret spüren:
Der Freitag in Bern war kein Zufallstreffer zweier Verbände. Er war der Auftakt zur Auseinandersetzung darüber, ob die Schweiz beim Thema KI ein offener Marktplatz bleibt oder zum souveränen Verteidiger eigener Infrastruktur wird – und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Antwort: beides, aber nicht gleichzeitig.