Während die EU mit dem AI Act streng reguliert, wirbt der Kanton Zürich für einen möglichst schlanken Weg. Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh erklärt, warum zu strenge Regeln den Standort gefährden – und welche Rolle das offene Schweizer Modell Apertus spielt.
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Der Kanton Zürich setzt im Gegensatz zur EU auf eine bewusst schlanke KI-Regulierung, um als Standort attraktiv zu bleiben.
Die EU reguliert künstliche Intelligenz mit dem AI Act streng und umfassend. Die Schweiz geht bewusst einen anderen Weg – und der Kanton Zürich wirbt offensiv dafür, es dabei möglichst schlank zu halten. Das macht Carmen Walker Späh, Regierungspräsidentin und Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons, in einem Interview deutlich.
Zürich will sich als globaler KI-Hub positionieren. Der Vorwurf, das sei vor allem Standortpolitik im Sinne von US-Tech-Konzernen, lässt Walker Späh nicht gelten: Die ICT-Branche trage rund 9 Prozent zur kantonalen Wertschöpfung bei und stelle 8 Prozent aller Arbeitsplätze. «Ich gestalte lieber aktiv mit, statt passiv zuzuschauen», sagt sie mit Blick auf die KI.
Ihre Sorge: Einseitige oder zu weit gehende Regeln könnten Innovation bremsen, Investoren abschrecken und dazu führen, dass Unternehmen und Talente auf flexiblere Standorte ausweichen.
Konkret hält sie den schlanken Kurs des Bundesrats für richtig. Dieser setzt die international verankerte KI-Konvention des Europarats in Schweizer Recht um – mit Fokus auf den Schutz von Grundrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Eine umfassende Produktregulierung nach EU-Vorbild dagegen führe zu hohen Kosten und viel Bürokratie, gerade für kleinere und mittlere Unternehmen.
Der Haken bleibt: Viele Schweizer Firmen, die KI entwickeln oder einsetzen, brauchen den EU-Marktzugang – und müssen die EU-Regeln für ihre Produkte ohnehin erfüllen. Walker Spähs Antwort darauf: kohärent mit dem internationalen Umfeld bleiben, aber «so schlank und smart wie möglich» regulieren.
Spannend ist ihr Blick auf die digitale Souveränität. Wenn US-Konzerne die KI-Infrastruktur kontrollieren, brauche es Auswahl – und damit auch lokale Initiativen. Als Beispiel nennt sie ausdrücklich Apertus, das offene Sprachmodell von ETH und EPFL: ein Beleg dafür, dass die Schweiz eigene KI-Kompetenzen aufbauen kann.
Im Kanton selbst wird KI längst getestet. Über die «KI-Sandbox» der Volkswirtschaftsdirektion seien in vier Jahren bereits zehn konkrete Projekte umgesetzt worden – von Smart Parking über Drohneninspektionen bis zu KI bei Baubewilligungen.
Beim Arbeitsmarkt gibt sich Walker Späh optimistisch, aber nicht blauäugig. Bis 2050 fehlten im Kanton Zürich zehntausende Arbeitskräfte; KI könne einen Teil dieser Lücke schliessen. Entscheidend sei, wie man den Wandel gestalte – Aus- und Weiterbildung seien «keine Kür, sondern Pflicht».
Eine Grenze zieht sie klar: Ein «Government by Algorithm» strebe Zürich nicht an. KI dürfe Entscheide vorbereiten, fällen müssten sie weiterhin Menschen.
Einordnung: Während Brüssel auf verbindliche Produktregeln setzt, wettet Zürich auf Tempo und Flexibilität. Ob daraus ein echter Standortvorteil wird oder ein Vertrauensdefizit, hängt davon ab, ob «schlank» am Ende auch «verlässlich» heisst.