Im Fact Sheet zum Staatsbesuch von Xi Jinping stehen zwei Absätze, die mehr wiegen als der ganze Handelsteil: Die beiden KI-Grossmächte legen eine Art rotes Telefon. Was fehlt, ist jede Definition – und jede Rolle für die multilaterale Ebene.
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Washington und Peking haben eine direkte Leitung für «SI-Vorfälle» vereinbart und starten bis November einen gemeinsamen Superintelligenz-Dialog – nur weiss bisher niemand, was überhaupt ein Vorfall ist.
Es klingt nach Kaltem Krieg, ist aber September 2026: Die USA und China schalten eine direkte Leitung für den Fall, dass eine KI aus dem Ruder läuft. Das Weisse Haus hat die Vereinbarung am Freitag, 25. September, in einem Fact Sheet zum Staatsbesuch von Xi Jinping bekanntgegeben – dieser hatte am 23. September in Washington begonnen. Es sind zwei nüchterne Sätze am Ende eines langen Dokuments über Zölle, Kohle und Pandas.
Konkret stehen im Dokument zwei Dinge. Erstens gründen beide Länder den U.S.-China Super Intelligence (SI) Dialogue, um "Ansichten über Risiken und Nutzen im Zusammenhang mit SI auszutauschen". Der nächste Austausch soll laut Fact Sheet "bis November 2026" stattfinden. Zweitens vereinbaren sie "einen bilateralen Kommunikationskanal für SI-Vorfälle".
Axios schreibt, manche verglichen das mit dem "roten Telefon" des Kalten Krieges – der Notfallleitung zwischen Washington und Moskau. Ausgearbeitet hat den Kanal demnach Finanzminister Scott Bessent, in Vorgesprächen mit chinesischen Vertretern am Wochenende vor dem Gipfel.
Der Haken: Es gibt keine Definition. Axios formuliert es unmissverständlich – es sei "nicht klar, welche Art von Vorfällen das Niveau erreichen würde, den Kanal zu nutzen, oder welche Art von Meldungen jede Seite der anderen geben würde". Eine Hotline ohne Auslösekriterium ist vorerst ein Telefon ohne Nummer.
Der kurioseste Satz im Fact Sheet betrifft Vokabular: Beide Staatschefs hätten sich darauf geeinigt, "den Begriff super intelligence statt artificial intelligence" zu verwenden. Trump hatte die Umbenennung schon wenige Tage vor dem Staatsbesuch für sich reklamiert und erklärte gegenüber CBS News: "Ich nenne es SI, weil das ein viel besserer Name ist. heisst, es sei falsch – und es ist nicht falsch."
Xi hielt sich nicht daran. In seinem Auftritt sprach er laut Al Jazeera von "artificial intelligence": Beide Länder seien "führende Nationen in der künstlichen Intelligenz" und hätten "die Fähigkeit und die Verantwortung, KI zum Guten zu entwickeln und zu steuern". Peking kommentierte die Erklärung des Weissen Hauses zunächst überhaupt nicht. Erst einen Tag später sagte ein Sprecher des Aussenministeriums, China messe der Position der US-Seite Bedeutung bei und "respektiere die Wortwahl der US-Seite".
Genauso aufschlussreich ist die Leerstelle: keine gemeinsame Linie zur Entwicklung von Frontier-Modellen (den jeweils leistungsfähigsten KI-Systemen), keine gemeinsame Sicherheitsregulierung. Trump selbst dämpfte die Erwartungen laut UPI: "Wir haben nicht viel Zeit damit verbracht, darüber zu sprechen. Ich würde lieber nicht integrieren."
Der Rest des Besuchs war Handel: Empfehlungen für Zollerleichterungen auf Waren im Umfang von 30 Milliarden US-Dollar je Richtung, mindestens 10 Millionen Tonnen US-Kohle für China in 2027 und 2028. Ein Memorandum zu militärischer Krisenkommunikation wurde laut CBS News und ABC News ebenfalls vereinbart – im Fact Sheet des Weissen Hauses taucht es nicht auf.
Für die Schweiz ist die Sache aus zwei Gründen unangenehm interessant. Im Mai 2025 handelten dieselben Akteure – Bessent auf US-Seite – den Zoll-Waffenstillstand mit China in Genf aus, in der Villa des Schweizer UNO-Botschafters. Und im Juli 2026 war Genf Gastgeber des ITU-Weltgipfels "AI for Good", den Bundesrat Albert Rösti eröffnete.
Der neue SI-Kanal braucht beides nicht. Er ist rein bilateral: kein neutraler Ort, keine internationale Organisation, kein Beobachter. Wenn die zwei grössten KI-Mächte ihre Krisenkommunikation unter sich ausmachen, verliert die Genfer KI-Diplomatie genau dort an Gewicht, wo es ernst würde.
Der erste Austausch soll bis November stattfinden. Bis dahin ist die Hotline vor allem eines: eine Absichtserklärung mit Wählscheibe.
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