Die meisten Prompt-Tipps, die im Netz kursieren, stammen aus den Jahren 2022 und 2023 – und ein Teil davon ist inzwischen überholt. «Denke Schritt für Schritt» etwa geht auf eine Google-Studie von 2022 zurück und war damals ein echter Hebel; heutige Reasoning-Modelle tun das von selbst. Was dagegen weiterhin zuverlässig funktioniert, ist unspektakulär: Beispiele mitgeben, sagen was man will statt was man nicht will, und lange Texte an den Anfang stellen.
Warum «Schritt für Schritt» ausgedient hat
2022 zeigte ein Forschungsteam von Google, dass Sprachmodelle deutlich besser rechnen und schlussfolgern, wenn man sie dazu bringt, den Lösungsweg auszuschreiben. Das Verfahren wurde als Chain-of-Thought bekannt, und der Satz «Denke Schritt für Schritt» wurde zum meistkopierten Prompt-Trick überhaupt.
Inzwischen steckt das Prinzip in den Modellen selbst. Reasoning-Modelle arbeiten die Aufgabe intern durch, bevor sie antworten. Konkret heisst das: Der Satz schadet nicht, bringt aber kaum noch etwas. Spar dir die Zeile und nutz den Platz für etwas Nützlicheres.
Ein Beispiel schlägt drei Erklärungen
Der stabilste Hebel ist seit Jahren derselbe geblieben: Zeig dem Modell, wie das Ergebnis aussehen soll. Das Prinzip heisst Few-Shot und wurde 2020 im GPT-3-Paper beschrieben – es funktioniert bis heute in jedem Modell.
Statt «Schreib mir eine professionelle Absage» hängst du zwei frühere Absagen an, die dir gefallen haben. Statt Tonalität zu beschreiben, lieferst du sie. Zwei Beispiele bringen mehr als ein ganzer Absatz voller Adjektive.
Sag, was du willst – nicht, was nicht
Negative Anweisungen funktionieren schlecht. «Verwende keine Bullet Points» landet erstaunlich oft in einer Antwort voller Bullet Points – dasselbe Phänomen wie beim rosa Elefanten, an den man nicht denken soll. Sowohl OpenAI als auch Anthropic empfehlen in ihren Prompt-Leitfäden, Anweisungen positiv zu formulieren.
Also nicht: «Keine Aufzählungen.» Sondern: «Antworte in drei zusammenhängenden Absätzen.» Der Unterschied ist klein im Text und gross im Ergebnis.
Lange Texte gehören nach oben
Wenn du ein umfangreiches Dokument mitgibst – Vertrag, Studie, Sitzungsprotokoll –, dann gehört es an den Anfang des Prompts und die eigentliche Frage ans Ende. Anthropic empfiehlt diese Reihenfolge in seiner Dokumentation ausdrücklich für lange Kontexte.
Merksatz: erst das Material, dann die Aufgabe.
Höflichkeit und Drohungen bringen nichts
Zwei aktuelle Untersuchungen räumen mit einem hartnäckigen Mythos auf. Ein Team der Wharton School testete, ob Trinkgeld-Versprechen oder Drohungen die Antwortqualität verbessern. Das Ergebnis: kein signifikanter Effekt auf die Benchmark-Leistung.
Eine zweite Studie mass den Einfluss des Tonfalls – und fand das Gegenteil des Erwarteten. Unhöfliche Prompts schnitten mit 84,8 Prozent korrekter Antworten leicht besser ab als sehr höfliche mit 80,8 Prozent.
Einordnung: Vier Prozentpunkte sind kein Freibrief, mit der KI unfreundlich umzuspringen – und die Studie testete ein einzelnes Modell auf einem einzelnen Aufgabenset. Sie zeigt aber, dass der Ton nicht der Hebel ist, für den ihn viele halten. Was zählt, ist Präzision, nicht Etikette.
Drei Prompts, die du heute besser machst
- Aus «Fass das zusammen» wird: «Fass das in fünf Sätzen für jemanden zusammen, der das Thema nicht kennt. Der erste Satz nennt das Ergebnis.»
- Aus «Schreib das professioneller» wird: das Dokument plus zwei eigene Texte als Muster plus «Triff diesen Ton.»
- Aus «Keine Floskeln» wird: «Jeder Satz enthält eine konkrete Aussage oder eine Zahl.»
Der gemeinsame Nenner: Ein guter Prompt beschreibt das gewünschte Ergebnis so genau, dass eine neue Mitarbeiterin damit loslegen könnte. Wer das hinkriegt, braucht keine Tricks.



