Ein US-Startup entfernt aus offenen KI-Modellen die antrainierten Verweigerungsmechanismen und verkauft den Zugang für 5 Dollar pro Million Token. Was in der Open-Source-Szene seit Jahren gebastelt wird, ist damit ein schlüsselfertiger Dienst – bezahlbar per Kreditkarte, ohne Identitätsprüfung.
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Die technische Hürde für den Missbrauch offener KI-Modelle ist gefallen: Statt GPU-Cluster und Fachwissen braucht es nur noch eine Kreditkarte. Für Schweizer Betreiber kritischer Infrastruktur verschiebt das die Bedrohungslage – auch wenn Red-Teaming-Firmen den praktischen Nutzen solcher Modelle bezweifeln.
Das US-Startup Abliteration.ai verkauft seit Ende August 2026 Zugang zu einem KI-Modell, aus dem die antrainierten Verweigerungsmechanismen gezielt herausoperiert wurden – zu 5 US-Dollar pro Million Token, per Web-Oberfläche und API. Grundlage ist GLM-5.3, das offene Modell des chinesischen Anbieters Z.AI. Damit wird eine Bastelpraxis aus der Open-Source-Szene zum schlüsselfertigen kommerziellen Dienst. TechCrunch legte kostenlos ein Konto an und liess sich unter anderem ein Programm zum Auslesen gespeicherter Browser-Passwörter und ein Protokoll zur Kultivierung eines gefährlichen Humanpathogens ausgeben.
Abliteration ist keine Trickfrage an den Chatbot, sondern ein Eingriff ins Modell selbst: Jene Aktivierungsmuster, die eine Verweigerung auslösen, werden identifiziert und rechnerisch unterdrückt. Auf Hugging Face liegen seit Jahren tausende so behandelte Modelle – neu ist der Wegfall der Hürde. Wer bisher eines nutzen wollte, brauchte eigene GPU-Infrastruktur. Lizenzrechtlich ist das Geschäft gedeckt: GLM-5.3 erlaubt Modifikationen und kommerzielle Model-as-a-Service-Angebote.
Ganz schrankenlos ist der Dienst nicht: Suizid-Anleitungen verweigerte das Modell im TechCrunch-Test, sexuelle Inhalte mit Kindern blockiert der Anbieter laut eigener FAQ. Eine Identitätsprüfung gibt es dagegen nicht – die einzige Kundenprüfung ist die Kreditkarte. Prompts und Antworten würden nicht gespeichert, nur Metadaten. Diese Zero-Retention-Politik ist zweischneidig: Sie schützt vertraulichen Code legitimer Security-Teams, macht bei Missbrauch aber jede Aufklärung unmöglich, weil keine Logs existieren.
Der Anbieter positioniert sich als Werkzeug für Offensive-Security-Teams und meldet 84,5 % auf dem Sicherheits-Benchmark CyberGym – Herstellerangaben ohne unabhängige Prüfung, und in derselben Tabelle liegt GPT-5.5 mit 85,6 % vorn. Mehrere von TechCrunch befragte Red-Teaming-Firmen nutzen abliterierte Modelle gar nicht. Ahmed Aly, CEO von Fabraix, argumentiert, der Eingriff entferne neben den Verweigerungen auch Wissen und Fähigkeiten. Laut der NGO SaferAI verweigerte bereits das unmodifizierte GLM-5.2 in Offensive-Security-Tests null Aufgaben. Andrew Yoon von der KI-Sicherheits-NGO CivAI wird grundsätzlicher: Abliteration mache aus einem Modell «einen Soziopathen». Er fordert verpflichtende Klassifikatoren bei Anbietern und Identitätsprüfungen bei GPU-Vermietern.
Der Dienst ist von der Schweiz aus ohne Weiteres erreichbar; es braucht nur eine Kreditkarte. Für Betreiber kritischer Infrastruktur – Banken, Energieversorger, Spitäler – verschiebt das die Bedrohungslage: Angreifer brauchen weder GPU-Cluster noch das Fachwissen, ein Modell selbst zu modifizieren. Abliteration.ai verlangt für Sicherheitstests eine schriftliche Autorisierung der Zielsysteme, schiebt die rechtliche Verantwortung damit aber vollständig zum Kunden – in der Schweiz greift bei unbefugtem Eindringen in fremde Systeme Art. 143bis StGB. Und das Startup ist nicht allein: Auch Audn.AI und Silk Compute hosten weitgehend unbeschränkte Modelle.
Drei unerfahrene Bergsteiger mussten am 31. August vom Mount Shasta gerettet werden. Route und Packliste hatten sie mit Google Gemini geplant – laut Sheriff ein «kritischer Fehltritt», weil der Chatbot viel zu wenig Proviant empfahl. Der Fall zeigt, wo die Grenzen von KI-Auskünften liegen – und was das für Touren in den Alpen bedeutet.