AlgorithmWatch hat 4'480 Suchanfragen zu drei deutschen Landtagswahlen ausgewertet. Das Ergebnis: Google zeigt KI-Übersichten bei Wahlfragen deutlich seltener, stützt sich auf sehr wenige Quellen und formuliert nicht immer neutral. Warum das auch für Schweizer Abstimmungen zählt.
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Nicht was Googles KI zu Wahlen sagt, ist das Hauptproblem – sondern dass niemand ausser Google weiss, nach welchen Regeln sie es sagt.
Die Nichtregierungsorganisation AlgorithmWatch hat am 1. September 2026 eine Untersuchung veröffentlicht, wonach Googles KI-Übersichten zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin intransparent bleiben und sich auf auffällig wenige Quellen stützen. Für die Auswertung stellte die Organisation 4'480 Suchanfragen über Googles «Search Researcher Result»-Schnittstelle – ein Forschungsdatenzugang nach Artikel 40 des EU-Digital-Services-Act. Bei wahlbezogenen Fragen erschien in 39,1 Prozent der Fälle eine KI-Übersicht, bei unpolitischen Fragen in 65,3 Prozent.
Diese Lücke von rund 26 Prozentpunkten deutet darauf hin, dass Google Wahlthemen im Hintergrund anders behandelt. Wie, sagt der Konzern nicht. Auffällig ist die fehlende Systematik: Fragen nach Umfragewerten lösten praktisch nie eine KI-Übersicht aus, Fragen zu Parteien und Kandidierenden dagegen in 40 bis 50 Prozent der Fälle. 2024 hatte Google angekündigt, KI-Antworten seines Modells Gemini zu Wahlfragen zu blockieren. Ob 2026 vergleichbare Schutzmassnahmen greifen, konnte AlgorithmWatch nicht klären – dazu äusserte sich Google nicht.
Aus allen erfassten Übersichten extrahierte das Team 647 eindeutige Links auf 140 Domains, im Schnitt 3,7 pro Antwort. Fast die Hälfte aller Links stammte von nur zehn Domains – am häufigsten von Googles konzerneigenem YouTube. AlgorithmWatch liest das als Hinweis auf eine Bevorzugung der eigenen Plattform; Google bestreitet das auf Nachfrage. In den Top 10 fanden sich auch Wikipedia, öffentlich-rechtliche Sender und Landtags-Seiten – durchaus solide Adressen. Der Haken: Parteiseiten standen ohne Kennzeichnung neben neutralen Informationsangeboten.
Politische Positionen seien häufig nicht neutral, sondern mit positiv klingenden Adjektiven wiedergegeben worden, die an die Selbstbeschreibungen der Kandidierenden erinnerten. AlgorithmWatch führt das auf Sykophanz zurück – die Neigung von Sprachmodellen, der fragenden Person nach dem Mund zu reden. Klare Sachfehler fand die Organisation diesmal nur selten.
Ein Google-Sprecher teilte AlgorithmWatch mit, die KI-Suchfunktionen zeigten «hochwertige Informationen aus einer Vielzahl von Webquellen», seien «neutral und objektiv» konzipiert und würden nicht bei jeder Suche angezeigt. Welche Kriterien konkret gelten, blieb offen.
Zur Einordnung: AlgorithmWatch bezeichnet die Untersuchung selbst als explorativ und «ohne wissenschaftlichen Anspruch» – ein Schnelltest über fünf Tage Ende Juli und Anfang August, nur für Deutschland und nur auf Deutsch. Er zeigt Muster, er erklärt sie nicht.
Für dich als Stimmbürgerin oder Stimmbürger ist das keine reine Deutschland-Geschichte. AlgorithmWatch CH hat mit der Universität Zürich im Vorfeld der Abstimmung über die 10-Millionen-Initiative fast dasselbe untersucht und die Ergebnisse im Juni 2026 publiziert: Google beantwortete rund 43 Prozent von über 170'000 Suchanfragen mit einer KI-Übersicht, mit starken Sprachunterschieden (Französisch 56, Deutsch 33, Italienisch 23 Prozent). Nur etwa ein Drittel der zitierten Seiten bot einen ausgewogenen Überblick.
Der Unterschied liegt in der Methode: In Deutschland öffnete der DSA eine offizielle Forschungsschnittstelle, die Schweiz hat kein solches Instrument. Das Team musste automatisiert abfragen – bei Bing sank der Anteil der KI-Übersichten binnen Tagen von rund 80 auf teils 0 Prozent, vermutlich weil Microsoft die Tests erkannte.
Ein Hebel ist in Arbeit: Laut BAKOM eröffnete der Bundesrat am 29. Oktober 2025 die Vernehmlassung zum Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen (Frist: 16. Februar 2026). Sehr grosse Dienste – ab rund 900'000 Nutzenden monatlich – sollen Transparenz über Werbung und Empfehlungssysteme schaffen und der Forschung Datenzugang gewähren. AlgorithmWatch CH kritisiert, generative KI falle dabei «zwischen Stuhl und Bank», und fordert, KI-Suchmaschinen ausdrücklich einzuschliessen.
Bis zu den National- und Ständeratswahlen am 24. Oktober 2027 bleibt Zeit, das zu klären. Viel ist es nicht.
Deutschland hat in Berlin das KI-Sicherheitsinstitut «AISI Deutschland» gegründet: BSI und Bundesnetzagentur sollen führende KI-Modelle auf Cyber-Risiken und Kontrollverlust prüfen. Die Schweiz hat keine Stelle mit diesem Auftrag – und sitzt im internationalen Netzwerk der zehn Prüfinstitute nicht am Tisch.