Die EU-Kommission hat ChatGPT als sehr grosse Online-Suchmaschine unter dem Digital Services Act eingestuft – als ersten KI-Chatbot überhaupt. Ausschlaggebend waren rund 159 Millionen monatliche Nutzer in der EU. Der DSA gilt in der Schweiz nicht, doch Bern schreibt gerade an einem Gesetz mit auffällig ähnlicher Logik.
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Weil ChatGPT live im Web nachschlägt, behandelt Brüssel es rechtlich wie Google – und das Schweizer KomPG erfasst mit derselben Zehn-Prozent-Schwelle ebenfalls Suchmaschinen.
Die EU-Kommission hat ChatGPT am 31. August 2026 als «Very Large Online Search Engine» (VLOSE) unter dem Digital Services Act eingestuft – es ist die erste Einstufung eines KI-Chatbots als Suchmaschine überhaupt. Reddit und Roblox wurden gleichzeitig als «Very Large Online Platforms» (VLOP) designiert. Alle drei Dienste unterstehen damit dem strengsten Aufsichtsregime der EU für Online-Dienste, inklusive jährlicher Risikoprüfungen und Bussen von bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Der interessante Teil steckt in der Begründung. Die Kommission stuft ChatGPT nicht als Plattform ein, sondern als Suchmaschine – weil der Dienst Anfragen unter anderem dadurch beantwortet, dass er live im Web nachschlägt. Brüssel spricht von einem «hybriden Dienst»: ChatGPT chattet und sucht gleichzeitig, und die Suchfunktion reicht rechtlich aus, um in dieselbe Schublade wie Google Search zu fallen.
Reddit und Roblox landen dagegen bei den Plattformen, weil Nutzer dort öffentlich Inhalte erstellen und teilen. Das ist keine Spitzfindigkeit: VLOSE und VLOP haben unterschiedliche Pflichtenkataloge – und für einen KI-Chatbot ist die Suchmaschinen-Schublade Neuland.
Ausschlaggebend war die Reichweite. Der DSA greift ab 45 Millionen monatlich aktiven Nutzern in der EU, das entspricht rund einem von zehn EU-Bürgern. OpenAI meldete für den Halbjahres-Zeitraum bis Ende März 2026 im Schnitt rund 159,1 Millionen monatlich aktive Nutzer allein für die ChatGPT-Suche – mehr als das Dreifache der Schwelle. Reddit kam auf 57,2 Millionen, Roblox auf rund 48 Millionen und damit knapp darüber. Mit den drei Neuzugängen stehen jetzt 28 Dienste unter der strengsten DSA-Stufe.
Die drei Anbieter haben vier Monate ab der Notifizierung Zeit, um die neuen Pflichten zu erfüllen. Kernstück ist eine jährliche systemische Risikobewertung: Sie müssen prüfen und dokumentieren, welche Risiken ihr Dienst für illegale Inhalte, den Schutz Minderjähriger, die mentale und körperliche Gesundheit der Nutzenden, die Grundrechte, Wahlprozesse und die öffentliche Sicherheit erzeugt – und was sie dagegen unternehmen. Dazu kommen unabhängige Audits sowie Datenzugang für Behörden und geprüfte Forschende.
Die Aufsicht teilt sich auf: Die Kommission überwacht die Einhaltung gemeinsam mit der irischen Behörde Coimisiún na Meán, die als Digital Services Coordinator für ChatGPT und Reddit zuständig ist, und mit der niederländischen Behörde für Verbraucher und Märkte (ACM) für Roblox.
«Diese neuen Einstufungen bedeuten, dass ChatGPT, Reddit und Roblox in der Europäischen Union nun an einem höheren Massstab an Kontrolle und Rechenschaft gemessen werden – im Einklang mit ihrem grossen Einfluss auf unsere Bürgerinnen und Bürger und unsere Gesellschaft.» — Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der EU-Kommission für Technologiesouveränität, Sicherheit und Demokratie (aus dem Englischen übersetzt)
Wer die Pflichten verletzt, riskiert Bussen von bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Dass Brüssel davon Gebrauch macht, hat der Sommer gezeigt: Am 20. Juli 2026 büsste die Kommission AliExpress mit 550 Millionen Euro, weil der Marktplatz Risiken durch den Verkauf illegaler Produkte nicht ausreichend eingedämmt hatte – die bis dahin höchste DSA-Busse überhaupt.
Für die Schweiz gilt der DSA nicht, wir sind kein EU-Mitglied. Der Bundesrat schreibt aber gerade an einem eigenen Regelwerk: Am 29. Oktober 2025 schickte er den Vorentwurf des Bundesgesetzes über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen (KomPG) in die Vernehmlassung, die bis zum 16. Februar 2026 lief.
Die Parallelen sind auffällig. Auch das KomPG richtet sich ausdrücklich an «sehr grosse» Dienste – und zwar an Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen. Als sehr gross gilt laut BAKOM, wer im Monatsdurchschnitt von zehn Prozent der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung genutzt wird, aktuell rund 900'000 Nutzende. Das ist dieselbe Zehn-Prozent-Logik, die hinter der EU-Schwelle von 45 Millionen steckt. Vorgesehen sind unter anderem ein einfaches Meldeverfahren für mutmasslich rechtswidrige Inhalte, Begründungspflichten bei Löschungen und Kontosperren, Transparenz bei Werbung und Empfehlungssystemen, ein öffentliches Werbearchiv, Datenzugang für die Forschung – und eine Rechtsvertretung in der Schweiz für Anbieter ohne Sitz im Land.
Ob ein KI-Chatbot unter die Schweizer Suchmaschinen-Definition fiele, beantwortet der Vorentwurf nicht. Die Brüsseler Einstufung liefert dafür jetzt eine Blaupause.
Einordnung: Der DSA endet zwar an der Grenze, seine Wirkung tut das selten. Wenn OpenAI für 159 Millionen EU-Nutzende Melde-Wege, Transparenzhinweise und Jugendschutz-Voreinstellungen umbaut, ist ein separat gepflegtes Schweizer Produkt teuer und unpraktisch. Für dich heisst das: Änderungen, die Brüssel erzwingt, wirst du in ChatGPT sehr wahrscheinlich sehen, ohne dass in Bern je etwas beschlossen wurde. Was dir bis zum KomPG fehlt, sind die einklagbaren Rechte dahinter – etwa ein geregeltes Beschwerdeverfahren, wenn dein Konto gesperrt wird.
Für Schweizer Unternehmen mit Kundschaft im EU-Raum ist der Punkt handfester: Wer ChatGPT-Funktionen in EU-Märkten einsetzt, baut ab sofort auf einem Dienst auf, der dort unter direkter Aufsicht der Kommission steht – mit allem, was an Auditpflichten und möglichen Produktanpassungen daran hängt.
Das Label «AI creator» heisst neu «AI-generated profile». Profile mit einer KI-Person, die das verschweigen, verlieren Reichweite – wer es offenlegt, nicht. In der Schweiz gibt es dafür bislang kein Gesetz.