Anthropic zieht erste Bilanz nach 30 Tagen Project Glasswing: Über zehntausend kritische Schwachstellen in der wichtigsten Software der Welt. Cloudflare findet 2'000 Bugs, Mozilla patcht Firefox 271-fach.
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Mythos-Klasse-KI findet Lücken schneller, als das Ökosystem patchen kann – der Engpass verschiebt sich.
Vor genau einem Monat hat Anthropic mit rund 50 Partnern das Projekt Glasswing gestartet. Heute legt das Lab die erste Bilanz vor – und die Zahlen sind heftig: Über zehntausend hoch- oder kritisch-schwere Sicherheitslücken hat Claude Mythos Preview seither in der wichtigsten Software der Welt gefunden. So viele, dass nicht mehr das Finden, sondern das Patchen zum Flaschenhals wird.
Claude Mythos Preview ist Anthropics noch unveröffentlichtes Frontier-Modell. Es kann eigenständig Zero-Day-Lücken in Betriebssystemen und Browsern aufspüren, dafür Exploits bauen – und ist damit so gefährlich, dass Anthropic es bewusst nicht öffentlich freigibt. Statt das Modell zurückzuhalten, hat das Lab im April mit Glasswing ein Bündnis aus Cloud-Providern, Browser-Herstellern und Banken aufgebaut. Diese dürfen Mythos auf ihre eigene Codebasis loslassen. Mit dabei: Cloudflare, Mozilla, Microsoft, Cisco, Palo Alto Networks, JPMorganChase und die Linux Foundation.
Das Resultat nach 30 Tagen: Die meisten Partner haben bereits hunderte kritische Bugs in ihrer eigenen Software gefunden. Mehrere berichten, dass ihre Fundrate um mehr als das Zehnfache gestiegen ist.
Die konkreten Zahlen der Partner sind eindrücklich:
Parallel hat Anthropic Mythos auf über 1'000 Open-Source-Projekte angesetzt. Geschätzte 6'202 hoch- oder kritisch-schwere Lücken hat das Modell dort entdeckt. 1'752 davon wurden bereits von unabhängigen Security-Firmen geprüft – 90,6 Prozent waren echte True Positives.
Anthropic ist überraschend offen, wo der Glasswing-Ansatz an seine Grenzen stösst: Die Open-Source-Maintainer kommen schlicht nicht mehr nach. Manche haben das Lab gebeten, langsamer zu disclosuren, weil ihnen die Kapazität für Patches fehlt. Im Schnitt brauche eine hoch- oder kritisch-schwere Lücke zwei Wochen, bis sie gefixt sei.
Auch bei den grossen Anbietern verschiebt sich der Engpass spürbar: Palo Alto Networks hat im letzten Release fünfmal so viele Patches ausgeliefert wie üblich. Microsoft kündigt an, dass die Anzahl Patches in den kommenden Patch-Tuesdays «für einige Zeit weiter wachsen» werde. Oracle behebt Schwachstellen mehrfach schneller als zuvor.
Fortschritte bei Software-Sicherheit waren früher dadurch limitiert, wie schnell wir neue Lücken finden. Jetzt sind sie dadurch limitiert, wie schnell wir sie verifizieren, melden und patchen können.
Anthropic sagt unverblümt: Mythos-Klasse-Modelle werden bald auch von anderen Anbietern verfügbar sein – und niemand hat heute Safeguards stark genug, um sie sicher zu veröffentlichen. Genau deshalb läuft Glasswing: Damit die wichtigsten Verteidiger einen zeitlichen Vorsprung haben, bevor die Angreifer dieselbe Technologie in die Hände bekommen.
Für dich als Entwicklerin, Admin oder einfach Nutzer heisst das konkret:
Wir sind damit in eine Übergangsphase eingetreten, in der KI Schwachstellen schneller findet, als das Ökosystem sie schliessen kann. Das endet erst, wenn entweder die Patch-Pipelines breiter werden – oder bis Mythos-Klasse-Modelle so abgesichert sind, dass Anthropic sie auch der breiten Öffentlichkeit gibt.