Auf Anordnung der US-Regierung muss Anthropic seine zwei stärksten KI-Modelle Claude Fable 5 und Mythos 5 weltweit abschalten – eine Exportkontrolle sperrt alle Nicht-US-Bürger aus, auch in der Schweiz. Anthropic hält den Vorwurf eines gefährlichen «Jailbreaks» für ein Missverständnis und verhandelt über eine Rückkehr.
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Eine US-Exportkontrolle nimmt Anthropics stärkste Modelle weltweit vom Netz – ein Lehrstück dafür, wie eng Spitzen-KI und Geopolitik inzwischen verflochten sind.
Anthropic muss seine zwei leistungsfähigsten KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 abschalten – auf Anordnung der US-Regierung. Betroffen sind nicht nur amerikanische Nutzer, sondern alle weltweit, also auch in der Schweiz.
Am 12. Juni 2026 erhielt Anthropic vom US-Staat eine Exportkontroll-Anordnung. Sie verbietet jeglichen Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für alle Personen ohne US-Staatsbürgerschaft – egal ob innerhalb oder ausserhalb der USA, und sogar für Anthropics eigene ausländische Mitarbeitende. Weil sich diese Gruppe technisch nicht sauber heraustrennen lässt, blieb nur ein radikaler Schritt: Beide Modelle wurden für alle Kundinnen und Kunden deaktiviert. Alle übrigen Claude-Modelle – Opus, Sonnet und Haiku – laufen normal weiter.
Die Regierung beruft sich auf die nationale Sicherheit. Konkret geht es laut Anthropic um eine Methode, die Schutzmechanismen von Fable 5 zu umgehen – einen sogenannten «Jailbreak». Anthropic hat die vorgeführte Technik geprüft und kommt zu einem anderen Schluss: Es handle sich um wenige, bereits bekannte und eher harmlose Schwachstellen. Dieselben Lücken liessen sich auch mit anderen frei verfügbaren Modellen aufspüren – ausdrücklich auch mit OpenAIs GPT-5.5 –, ganz ohne Trick.
Anthropic betont, die Schutzmechanismen von Fable 5 seien vor dem Start tausende Stunden lang getestet worden – gemeinsam mit der US-Regierung, dem britischen AI Safety Institute und externen Teams. Einen universellen Jailbreak, der die Sperren breit aushebelt, habe niemand gefunden. Die zentrale Aussage des Unternehmens: Perfekter Schutz gegen Jailbreaks sei bei keinem heutigen Modell möglich. Würde man diesen Massstab auf die ganze Branche anwenden, käme praktisch jede neue Modellveröffentlichung zum Erliegen. Anthropic befolgt die Anordnung, hält sie aber für ein Missverständnis und arbeitet daran, den Zugang so rasch wie möglich wiederherzustellen.
Seither verhandeln beide Seiten – laut Medienberichten praktisch täglich. US-Präsident Trump bezeichnete die Gespräche am G7-Gipfel als «going fine», Anthropics Internationalchef gab sich «sehr zuversichtlich», die Modelle kämen «in den nächsten Tagen» zurück. Eingetroffen ist das bisher nicht. Berichten zufolge verlangt das Weisse Haus, Anthropic müsse vor einer Rückkehr sämtliche Jailbreaks ausschliessen – eine Hürde, die Sicherheitsforscher für technisch unerfüllbar halten. Parallel bereitet Anthropic ein Verifizierungssystem mit amtlichem Ausweis und Gesichtserkennung vor, um künftig wenigstens geprüften US-Personen wieder Zugang zu geben.
Für Schweizer Nutzer und Firmen ist die Lage unbequem: Fable 5 und Mythos 5 – Anthropics stärkste Modelle – sind hier schlicht nicht verfügbar, und zwar pauschal. Es ist nicht der erste Fall dieser Art; erst kürzlich war auch OpenAIs Codex-Funktion zur Computersteuerung in der Schweiz gesperrt.
Einordnung: Der Streit zeigt, wie eng Spitzen-KI inzwischen mit Geopolitik verwoben ist. Wer auf ein einzelnes Top-Modell setzt, kann es über Nacht verlieren – nicht wegen eines technischen Defekts, sondern wegen einer behördlichen Anordnung. Für Unternehmen wird damit zur Grundregel, was Entwickler längst predigen: sich nicht von einem einzigen Anbieter abhängig machen.