Ersetzt KI meinen Job? Was die Daten für die Schweiz zeigen

Du erfährst, welche Berufe in Zürich und der Schweiz laut Kanton Zürich und KOF ETH bereits unter Druck stehen, wie belastbar diese Zahlen sind und wie du deine eigene Lage prüfst. Mit Selbst-Check, Hinweis auf die kostenlose Standortbestimmung viamia und Fragen für KMU-Chefs.

Pascal Eugster
Pascal Eugster
GRÜNDER & ENTWICKLER
12. OKTOBER 2026
5 MIN. LESEZEIT
Tusche-Skizze einer Werkbank, auf der klassische Werkzeuge neben einem elektroblauen Roboterarm liegen

Nach den vorliegenden Daten gibt es keinen Beleg, dass KI in der Schweiz flächendeckend Jobs ersetzt, aber in einzelnen Berufen wächst der Druck messbar. Laut dem Kanton Zürich (Medienmitteilung vom 22. September 2026) stieg die Zahl der Stellensuchenden in stark KI-exponierten Berufen von Oktober 2022 bis Juni 2026 um 118%, in wenig exponierten nur um 13%. Gleichzeitig lag die Arbeitslosenquote der Schweiz laut SECO im September 2026 bei 3,0%.

118% gegen 13%: Was Zürich gemessen hat

Der Kanton Zürich hat die Stellensuchenden bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) nach Berufen sortiert. «Exposition» heisst dabei: Wie viele Aufgaben eines Berufs kann KI technisch übernehmen? Die Erwerbstätigen wurden in drei etwa gleich grosse Gruppen eingeteilt: hohe, mittlere und tiefe Exposition. Bei hoher Exposition stieg die Zahl der Stellensuchenden um 118%, bei mittlerer um 66%, bei tiefer um 13%.

Getrieben wird der Anstieg laut Kanton von Softwareentwicklern, allgemeinen Bürokräften sowie Marketing und Werbung. Die ZHAW-Modellrechnung im Zürcher Wirtschaftsmonitoring vom September 2026 zählt ausserdem Dolmetscher, Lohnbuchhalter, Call-Center-Mitarbeitende und IT-Techniker zu den hoch exponierten Berufen. Am anderen Ende stehen Reinigung, Maurer, Dachdecker und Kinderbetreuung.

Auch die KOF der ETH Zürich kommt zu einem ähnlichen Muster. In ihrer Studie vom Oktober 2025 stieg die Zahl der arbeitslosen Stellensuchenden in stark exponierten Berufen zwischen September 2024 und August 2025 um rund 27% stärker als in wenig exponierten. Die Online-Inserate lagen am Ende des Zeitraums rund 38% unter dem Niveau wenig exponierter Berufe. Am stärksten exponiert sind Kodierer und Korrekturleser sowie Anwendungsprogrammierer.

Warum Zahlen noch keine Ursache sind

Hier lohnt sich Vorsicht. Beide Studien zeigen einen Zusammenhang, keinen Beweis. Der Kanton Zürich hält selbst fest, dass die Ursache offen ist: Konjunktur, Branchenentwicklung und Bildung können mitspielen. Die KOF misst zudem relative Unterschiede zwischen Berufsgruppen, nicht den Gesamteffekt von KI auf den Arbeitsmarkt.

Dazu kommt ein Blick aufs Ganze: 140'480 Arbeitslose und eine Quote von 3,0% im September 2026 (SECO) beschreiben keinen Einbruch. Wenn in einzelnen Berufen mehr Menschen eine Stelle suchen, ist das für die Betroffenen real, sagt aber noch nichts über den gesamten Markt.

Interessant ist die Gegenseite: Laut Kanton Zürich wuchs die Beschäftigung überdurchschnittlich in Berufen, in denen KI Menschen eher ergänzt, etwa in Führung, Architektur und Bauingenieurwesen. KI ersetzt also nicht einfach «Büro», sondern verschiebt, welche Tätigkeiten gefragt sind.

Potenzial ist nicht gleich Einsatz

Die Expositionsmasse beschreiben, was technisch möglich wäre. Sie sagen nicht, was Firmen tatsächlich tun. Das gilt auch weltweit: Laut ILO und dem Institut NASK (Mai 2025) arbeitet jede vierte Person in einem Beruf mit Exposition gegenüber generativer KI, in Hocheinkommensländern sind es 34%. Die ILO betont, dass Berufe sich dadurch eher verändern als verschwinden.

Der Einsatz in der Schweiz nimmt trotzdem zu. Laut Microsoft AI Economy Institute nutzten im zweiten Quartal 2026 39,1% der 15- bis 64-Jährigen in der Schweiz generative KI, weltweit waren es 18,8%. Im Kanton Zürich setzten 2026 laut Wirtschaftsmonitoring 47% der befragten Firmen KI systematisch ein, 2024 waren es 27%. Befragt wurden über 500 Firmen.

Was das wirtschaftlich bedeuten könnte, rechnet die ZHAW vor: Das Produktivitätswachstum im Kanton Zürich könnte über zehn Jahre um zusätzlich 0,1% (tiefes Szenario), 1,1% (mittleres) oder 3,6% (hohes Szenario) pro Jahr steigen. Zum Vergleich: In den letzten 25 Jahren lag es real bei durchschnittlich 0,5% pro Jahr. Das ist ein theoretisches Potenzial und setzt breite Anwendung voraus.

Junge trifft es zuerst, aber die US-Daten widersprechen sich

Ein Muster zeigt sich international: Berufseinsteiger geraten zuerst unter Druck, weil Firmen offenbar eher weniger einstellen, als zu kündigen. Das Stanford Digital Economy Lab meldete im August 2026 «No widespread displacement», also keine breite Verdrängung. Die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in stark exponierten Berufen lag aber Stand Juni 2026 rund 19% unter dem Vergleichsniveau, bei erfahrenen Beschäftigten gab es keine Lücke. Auch das ist deskriptiv, nicht kausal.

Eine Arbeit des CESifo vom September 2026 (Fairlie und Wu, UCLA) findet dagegen keine Zunahme der Arbeitslosigkeit junger US-Hochschulabsolventen im Sommer 2026. Zwei seriöse Quellen, zwei Bilder: Das zeigt, wie früh und unsicher die Datenlage noch ist.

Für die Schweiz deutet der jobs.ch KI Report 2026 in dieselbe Richtung: Der Anteil der Einstiegsstellen an allen Inseraten lag 2025 um 32% unter dem Schnitt von 2019 bis 2022. Die Daten stammen nur von den Plattformen des Herausgebers JobCloud und sind nicht repräsentativ.

Dein Selbst-Check: Wo stehst du?

Statt dich von Schlagzeilen verunsichern zu lassen, kannst du deine Lage Schritt für Schritt einschätzen:

  1. Schreibe deine zehn wichtigsten Tätigkeiten der letzten Woche auf.
  2. Markiere, was reine Textarbeit, Recherche, Routineberechnung oder Standardkommunikation ist. Dort ist die Exposition am höchsten.
  3. Markiere, was Verantwortung, Beziehungen, Führung, Handarbeit oder Entscheidungen unter Unsicherheit verlangt. Dort ergänzt KI eher, als dass sie ersetzt.
  4. Probiere die markierten Routineaufgaben mit einem Sprachmodell (LLM) aus und prüfe, wie gut das Ergebnis ohne Nacharbeit wäre und ob es Halluzinationen enthält.
  5. Vergleiche deinen Beruf mit den genannten Listen: Gehört er zu den hoch exponierten Berufen, plane gezielt Weiterbildung ein.
  6. Wenn du 40 oder älter bist, nutze die kostenlose berufliche Standortbestimmung viamia. Sie wurde vom Bund (SBFI) initiiert und wird seit 2026 von den Kantonen finanziert und durchgeführt.
  7. Prüfe die Bedingungen in deinem Kanton, denn sie unterscheiden sich. Im Kanton Zürich gilt Stand Oktober 2026: Du wirst im laufenden Jahr 40 oder bist älter, wohnst im Kanton, machst die erste Standortbestimmung oder die letzte liegt mindestens drei Jahre zurück, beziehst keine Sozialhilfe und bist nicht beim RAV oder der IV angemeldet. Die Anmeldung läuft online mit Lebenslauf. Im Kanton Aargau gibt es viamia nicht, und bei vergleichbaren Leistungen von ALV, IV oder Sozialhilfe besteht kein Anspruch.

Für KMU-Chefs

  1. Frage dein Team, wo KI schon heimlich genutzt wird, bevor du Stellen neu planst.
  2. Prüfe pro Rolle, welche Aufgaben wegfallen könnten, etwa weil ein KI-Agent sie übernimmt, und welche neu entstehen, etwa Kontrolle, Kundenkontakt, Qualitätssicherung.
  3. Setze auf Umschulung statt Abbau: Beschäftigte, die KI beherrschen, sind für dich wertvoller als ein Ersatz von aussen.
  4. Beobachte Einstiegsstellen bewusst. Wer keine Junioren ausbildet, hat später keine erfahrenen Fachleute.
Häufige Fragen

Fragen zu Ersetzt KI meinen Job? Was die Daten für die Schweiz zeigen.

Welche Berufe sind in der Schweiz am stärksten von KI betroffen?

Am stärksten exponiert sind laut Kanton Zürich und KOF ETH Softwareentwickler, Bürokräfte, Marketing, Anwendungsprogrammierer sowie Kodierer und Korrekturleser. Die ZHAW zählt auch Dolmetscher, Lohnbuchhalter und Call-Center-Mitarbeitende dazu. Wenig exponiert sind Reinigung, Hauswartung, Maurer, Dachdecker und Kinderbetreuung. «Exponiert» heisst nur, dass KI Aufgaben übernehmen könnte, nicht dass Stellen verschwinden.

Wie viel Prozent der Jobs werden durch KI ersetzt?

Dafür gibt es keine belastbare Zahl. Laut ILO arbeitet weltweit jede vierte Person in einem Beruf, der generativer KI ausgesetzt ist, in Hocheinkommensländern sind es 34%. Das beschreibt Potenzial und keine Stellenverluste. Die ILO erwartet, dass sich Berufe eher verändern als verschwinden.

Was kostet die Standortbestimmung viamia?

Nichts, sie ist kostenlos. Das Angebot richtet sich an Personen ab 40 und wird von den Kantonen durchgeführt. Die Bedingungen unterscheiden sich je nach Kanton, im Kanton Aargau gibt es viamia nicht. Wer bereits vergleichbare Leistungen von ALV, IV oder Sozialhilfe erhält, hat keinen Anspruch.

Sind junge Berufseinsteiger stärker gefährdet?

Die Daten deuten darauf hin, sind aber nicht eindeutig. Das Stanford Digital Economy Lab fand bei 22- bis 25-Jährigen in stark exponierten Berufen eine Beschäftigung rund 19% unter dem Vergleichsniveau, bei erfahrenen Beschäftigten keine Lücke. Eine CESifo-Studie sah dagegen keine höhere Arbeitslosigkeit junger US-Hochschulabsolventen. Für die Schweiz fehlen noch belastbare Langzeitdaten.

Wie viel Produktivität kann KI der Wirtschaft bringen?

Das lässt sich nur als Szenario beantworten. Die ZHAW rechnet für den Kanton Zürich über zehn Jahre mit zusätzlich 0,1%, 1,1% oder 3,6% Produktivitätswachstum pro Jahr, je nach Szenario. Zum Vergleich: In den letzten 25 Jahren waren es real durchschnittlich 0,5% pro Jahr. Eintreffen kann das nur bei breiter Anwendung.