25 Träger der Fields-Medaille werfen den KI-Firmen in einer gemeinsamen Deklaration vor, mathematische Probleme als Benchmark zu missbrauchen und dabei die Wissenschaft selbst zu beschädigen. Vier der 25 lehren an Schweizer Hochschulen – darunter Alessio Figalli an der ETH Zürich und Maryna Viazovska an der EPFL. Und die Warnung endet nicht bei der Mathematik.
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Der Wert wissenschaftlicher Arbeit steckt nicht im gelösten Problem, sondern im Verständnis, das beim Lösen entsteht – und genau diesen Teil überspringt die Maschine.
25 Träger der Fields-Medaille – der wichtigsten Auszeichnung der Mathematik – haben am 11. September 2026 auf mathandai.org die gemeinsame Deklaration «A Severe Misalignment of AI in Mathematics» veröffentlicht. Ihr Vorwurf: Der Wettlauf der KI-Firmen, berühmte mathematische Probleme als Benchmark zu knacken, schade der Mathematik als Wissenschaft und der Gemeinschaft dahinter. Die Ziele der KI-Unternehmen und die der Mathematik seien «severely misaligned» – grundlegend gegenläufig. Unterschrieben haben unter anderem Terence Tao, Peter Scholze und Cédric Villani; die Namen decken Medaillen-Jahrgänge von 1978 bis 2026 ab.
Das Kernargument: Ein gelöstes Problem sei nur «tool and proxy» – Werkzeug und Stellvertreter – für das eigentliche Ziel, nämlich konzeptuelles Verständnis. Berühmte offene Probleme wirken in der Mathematik wie Leuchttürme: Wer einen erreicht, liefert neue Methoden, die die Fachwelt anschliessend jahrelang in Vorträgen und Vereinfachungen auseinandernimmt – bis am Ende ein Kapitel steht, das Studierende nachvollziehen können.
Genau diesen Prozess kürzt die Maschine ab. Die Massenproduktion von «wahr/falsch»-Aussagen in immer höherem Tempo könne fruchtbaren Boden zerstören, statt neue Ideen zu beleben, schreiben die Unterzeichnenden. Weil Lösungen überstürzt angekündigt würden, fehle die Zeit für sauberes Aufschreiben und die Zitation relevanter Vorarbeiten – das werfe «schwere Attributions- und Plagiatsfragen» auf. Und ohne Menschen, die KI-erzeugte Ideen weiterentwickeln und in den mathematischen Kanon integrieren, gehe die Überlieferungskette verloren.
Für die Schweiz ist die Unterzeichnerliste besonders interessant. Alessio Figalli, Professor am Departement Mathematik der ETH Zürich (Fields-Medaille 2018), hat unterschrieben. Ebenso Maryna Viazovska, ordentliche Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Zahlentheorie an der EPFL (2022). Dazu kommen Martin Hairer (2014), ebenfalls ordentlicher Professor an der EPFL, und Artur Avila (2014), seit 2018 Professor an der Universität Zürich. Die Debatte wird also nicht nur in Kalifornien geführt, sondern auch in Zürich und Lausanne.
Das Timing ist kein Zufall. Drei Tage zuvor hatte OpenAI publik gemacht, rund 10'000 parallel arbeitende Agenten hätten in 88 Stunden einen Beweis zum Navier-Stokes-Problem produziert – einem der sieben Millennium-Probleme, für die das Clay Mathematics Institute je eine Million Dollar ausgeschrieben hat. Formalisiert wurde er in Lean, einem Beweisassistenten, der jeden Schritt maschinell nachrechnet; von der Fachwelt geprüft ist er laut TechCrunch bislang nicht.
Der Rollout wurde sofort zum Streit über Credit: NYU-Professor Tristan Buckmaster wirft OpenAI vor, ihn unter Druck gesetzt zu haben, einen bei Anthropic arbeitenden Ko-Autor von der Autorenliste zu streichen – darüber haben wir am 9. September berichtet. Laut TechCrunch zog OpenAI danach auch das Sponsoring eines Mathematik-Anlasses am Caltech zurück, nachdem Forschende der Universität das Unternehmen kritisiert hatten.
Die Deklaration bleibt nicht bei der Mathematik stehen. Sie beschreibt eine generelle Bedrohung geistiger Arbeit: Jahrelange Ausbildung diene nie nur dem Endprodukt, sondern auch dem Verständnis und der Fähigkeit, neue Fragen zu stellen. Wenn KI das Resultat direkt liefert, fallen diese beiden Ziele auseinander – in wissenschaftlichen wie in kreativen Berufen.
Die Probleme, vor denen die mathematische Gemeinschaft jetzt steht, ähneln jenen anderer wissenschaftlicher und kreativer Berufe – und deuten auf Probleme hin, die auf die ganze Menschheit zukommen könnten.
Ein Verbot fordern die Unterzeichnenden ausdrücklich nicht: Ob die Veränderung dem Fach nütze oder es zerstöre, entscheide sich zu einem grossen Teil an den Menschen, die die Technologie kontrollieren. Angekommen ist die Botschaft jedenfalls – auf der Endorser-Seite von mathandai.org standen zwei Tage nach der Veröffentlichung 4'850 Unterstützer aus der Forschung.

Der NYU-Mathematiker Tristan Buckmaster sagt, OpenAI habe ihn vor der Publikation seiner KI-gestützten Fluidgleichungs-Beweise unter Druck gesetzt – OpenAI-Forscher Sébastien Bubeck nennt die Vorwürfe «falsch und aufhetzerisch». Bewiesen ist nichts. Aber der Streit legt eine sehr praktische Frage offen: Was darf ein Anbieter mit unveröffentlichter Arbeit tun, die du in sein Tool lädst?