Der US-Versichererverband BCBSA führt 942 Millionen Dollar Mehrkosten auf KI-gestützte Kodierung in Spitälern zurück: mehr komplexe Diagnosen, aber keine Hinweise auf mehr Behandlung. Die Studie kommt von der Gegenseite – und die Spitäler widersprechen.
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Wenn KI das Erzeugen formal korrekter Dokumentation fast kostenlos macht, verschiebt sich der Streit um Geld von der Behandlung zur Abrechnung – und SwissDRG funktioniert nach derselben Stufenlogik.
Die Blue Cross Blue Shield Association (BCBSA), der Dachverband der US-amerikanischen Blue-Cross-Blue-Shield-Krankenversicherer, führt 942 Millionen Dollar zusätzliche Gesundheitsausgaben auf KI-gestützte Kodier- und Dokumentationswerkzeuge in Spitälern zurück. Der Betrag fiel laut der Ende September 2026 veröffentlichten Analyse über zwei Jahre an – 2024 und 2025, gemessen am Vergleichsjahr 2023. Der Verband beobachtet einen starken Anstieg von Patienten, die als medizinisch komplex dokumentiert werden, findet aber keinen Hinweis darauf, dass sich die tatsächlich geleistete Versorgung entsprechend verändert hätte.
Der Anteil der als «medizinisch komplex» abgerechneten Spitalaufenthalte stieg von 37 Prozent Anfang 2023 auf 40 Prozent Ende 2025. Drei Prozentpunkte klingen unspektakulär – sie sind der Kern der Rechnung: Rund 653 Millionen Dollar der Mehrkosten, gut zwei Drittel, entstehen laut BCBSA durch Nebendiagnosen, die über 55'000 Fälle in eine höher vergütete Kategorie gehoben haben. Pro Fall sind das laut «Fierce Healthcare» rund 11'000 Dollar.
Bei grossen Darmeingriffen stieg der Anteil der höchsten Komplexitätsstufe von 10,2 auf 22,7 Prozent — mehr als eine Verdoppelung; häufigste ergänzte Nebendiagnose war posthämorrhagische Anämie. Genau da setzt das Argument des Verbands an: Spitäler im obersten Quartil kodierten Anämie 38 Prozent häufiger als Vergleichshäuser, verabreichten aber seltener Transfusionen – 16,9 gegenüber 19,3 Prozent.
«Die Diskrepanz zwischen Diagnosen und Behandlung legt nahe, dass die KI mehr abrechenbare Zustände findet – nicht krankere Patienten.»
So Luke Chalker, Senior Vice President bei der BCBSA. Gegenüber TechCrunch wurde er deutlicher: «Es ist kein Krieg. Es ist ein völlig einseitiges Blutbad.»
Genau deshalb gehört sie mit Vorsicht gelesen. Auftraggeber ist ein Versichererverband, der von niedrigeren Auszahlungen an Spitäler profitiert und die Zahlen mitten in laufenden Vertragsverhandlungen publiziert. Die Analyse ist kein begutachtetes Paper, sondern ein Weissbuch – und sie beruht auf Abrechnungsdaten, nicht auf Krankenakten. Diese Einschränkung räumt die BCBSA selbst ein: Die Akten wären der direktere Test. Unabhängige Aktenprüfungen hat bisher keine Seite vorgelegt.
Die Spitäler widersprechen entsprechend. Die American Hospital Association (AHA) nennt Upcoding-Vorwürfe in ihrem eigenen Faktenblatt «unbelegt» und verweist auf eine alternde Bevölkerung und mehr chronische Erkrankungen – der Case-Mix-Index der Spitäler sei von 2019 bis 2024 um rund fünf Prozent gestiegen. Und sie dreht das Argument um: Versicherer setzten umgekehrt Downcoding-Programme ein, die Vergütungen automatisiert kürzen, ohne die Unterlagen anzuschauen – und kodierten im Medicare-Advantage-Risikoausgleich ihrerseits kränkere Versicherte. MedPAC, das Beratungsgremium des US-Kongresses für Medicare, bezifferte die daraus folgenden Überzahlungen an Medicare-Advantage-Pläne 2025 auf 40 Milliarden Dollar.
Auch die Anbieterseite hält dagegen. Dr. Shiv Rao, Gründer des KI-Dokumentationsanbieters Abridge – den die BCBSA in ihrem Frühjahrsbericht namentlich aufführt –, warnt vor «Bots gegen Bots, Agenten gegen Agenten, einer schrecklichen dystopischen Zukunft, in der niemand leben will». Laut TechCrunch hält er auch das Gegenteil für möglich: dass KI Reibung und Kosten senkt.
Übertragbar auf die Schweiz ist zumindest die Mechanik. Auch SwissDRG unterteilt Basis-Fallpauschalen nach komplizierenden Diagnosen und dem patientenbezogenen Gesamtschweregrad PCCL. Das Definitionshandbuch zeigt das Prinzip am Beispiel: F67A ist «Hypertonie mit schweren CC», F67B nur «Hypertonie». Eine Nebendiagnose, eine Stufe höher.
Was die Schweiz zusätzlich hat, ist eine Pflichtkontrolle. Die jährliche Kodierrevision ist verbindlicher Bestandteil der Tarifverträge: Ein unabhängiger Revisor kodiert bei Spitälern ab 1'000 Fällen 100 bis 300 Fälle nach und vergleicht das Kostengewicht mit dem des Spitals. Im ambulanten Bereich haben TARDOC und die ambulanten Pauschalen am 1. Januar 2026 den alten TARMED ersetzt – stationär ändert das nichts.
Offen bleibt die eigentliche Frage: Ob KI-gestützte Kodierung in Schweizer Spitälern produktiv läuft und ob sie den Case Mix Index bewegt, ist öffentlich nicht belegt. Belegt ist nur, dass die Werkzeuge hier aktiv vermarktet werden. Das Muster kennst du aus einem anderen Sektor – als KI-Agenten begannen, Behörden mit Anträgen zu fluten, waren die meisten Eingaben formal berechtigt. Nur hat der Streit diesmal ein Preisschild.
Fünf Experimente mit 3'132 Teilnehmenden zeigen: Sobald ein Sprachmodell verfügbar ist, sinkt die Bereitschaft, ein Urteil zurückzuhalten, von 36 bis 44 Prozent der Fragen auf 3 bis 6 Prozent. Ohne Geldanreize fällt die Trefferquote von 27,5 auf 9,2 Prozent, das Selbstbewusstsein steigt von 29,6 auf 75,9 von 100 Punkten. Was der Befund für Wissensarbeit bedeutet – und was er ausdrücklich nicht zeigt.