Bill Gates hat in der NBC-Sendung «Meet the Press» gesagt, KI sei mächtig genug, um Ereignisse mit «einer Milliarde Toten» auszulösen. Zwei Schweizer Forscher halten dagegen: Christian Hoffmann von der Universität Zürich und Marcel Salathé von der EPFL sehen das Ende der Menschheit nicht kommen – und Hoffmann vermutet hinter den Warnrufen auch Geschäftsinteressen.
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Gates liefert die bislang konkreteste Opferzahl der KI-Debatte – doch zwei Schweizer Forscher halten die Apokalypse-Rhetorik für unbelegt und lesen darin auch ein Wettbewerbsinstrument der Grosskonzerne.
Bill Gates hat der KI-Debatte am 25. September 2026 eine Zahl gegeben: Künstliche Intelligenz sei «mächtig genug, um Ereignisse auszulösen, die eine Milliarde Tote verursachen». Gesagt hat er das im Interview mit Kristen Welker für die NBC-Sendung «Meet the Press» – NBC News veröffentlichte den Ausschnitt am Freitag, das vollständige Gespräch lief am Sonntag. Einen Tag später stellt ein SRF-Beitrag zwei Schweizer Forscher dagegen: Christian Hoffmann von der Universität Zürich und Marcel Salathé von der EPFL halten das beschworene Ende der Menschheit für unbelegt.
Gates' Begründung ist nicht die entfesselte Maschine, sondern der Mensch dahinter. «Es gab noch nie eine Waffe, die so mächtig ist wie die Kombination aus Leuten mit schlechten Absichten und den neuesten KI-Werkzeugen», sagte er gegenüber NBC. Selbstregulierung der Branche genüge nicht, Strafverfolgung und Politik müssten mitreden – ob es Gesetze brauche, bejahte er mit «absolut».
Neu ist dabei weniger die Warnung als der Absender: Gates galt bisher als die nüchterne Stimme im Feld. Bereits Ende August hatte er in einem Memo geschrieben, beim aktuellen Tempo bestehe «eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für ein unterm Strich negatives Ergebnis», wie Axios berichtete. Laut SRF nennt Gates drei Gefahren konkret: Terroristen, die mit KI Biowaffen entwickeln, KI, die Menschen in psychische Abhängigkeiten führt, und Gesellschaften, die auf beides nicht vorbereitet sind.
Christian Hoffmann forscht am Ethik-Zentrum der Universität Zürich zu KI und leitet das AI-Startup-Center der Stiftung Technopark Zürich. Im SRF-Beitrag wird er deutlich:
«Die Spekulationen, wonach wir vor dem Durchbruch menschengleicher KI stehen, die technologische Singularität erreicht ist und sogar das Ende der Menschheit heraufbeschworen wird: Das alles sehe ich nicht.»
Hoffmann stellt zudem die Motive der Mahner in Frage: «Bei diesen Rufen nach regulatorischen Eingriffen geht es womöglich auch darum, Konkurrenz zu verbieten und die eigenen Monopole zu stärken.» Das grössere Risiko sieht er in der Konzentration – platze eine Blase rund um die grossen Techkonzerne, werde «viel mehr Geld vernichtet, als wenn ein Start-up an die Wand fährt».
Marcel Salathé, Professor an der EPFL und Co-Direktor des dortigen AI Center, äusserte sich laut SRF gegenüber Tamedia-Zeitungen ähnlich: Sterben würden wir, aber nicht wegen KI – «im Gegenteil: Dank KI und ihrer Rolle im Gesundheitswesen werden wir länger leben», so der Wortlaut, den Blick wiedergibt. Die Untergangsrhetorik nennt er «ein Bauchgefühl ohne jede wissenschaftliche Grundlage» – und den beliebten Vergleich mit der Atombombe lässt er nicht gelten: «Oppenheimer hatte tatsächlich eine Todesmaschine gebaut: mit Absicht und Auftrag. Die KI mit einer Atombombe zu verwechseln, ist ein kategorischer Fehler.»
Wie weit die Lager auseinanderliegen, zeigt eine Zahl von der Gegenseite: Evan Hubinger, Leiter der Sicherheitsforschung beim KI-Labor Anthropic, beziffert die Wahrscheinlichkeit eines KI-verursachten Massensterbens innerhalb von zehn Jahren auf über 10 Prozent. Zwischen «über 10 Prozent» und «sehe ich nicht» liegt keine Messung, sondern eine Einschätzung.
Statt Verboten schlägt Hoffmann etwas anderes vor: Die Schweiz wäre laut SRF für ihn «der perfekte Sandkasten» – mit ihren Hochschulen und talentierten Köpfen, um bei KI-Innovationen führend zu werden. Unternehmen sollten experimentieren und Technologien testen; das funktioniere von unten nach oben und nahe an den Bedürfnissen der Gesellschaft.
Für dich heisst das: Die Debatte dieser Woche spricht fast ausschliesslich aus dem Silicon Valley. Der Blick aus Zürich und Lausanne ist nicht sanfter, sondern anders gelagert – er richtet sich weniger auf die Maschine als auf jene, die vor ihr warnen und gleichzeitig den Markt besetzen. Salathés eigene Sorge klingt entsprechend nüchtern: KI werde garantiert auch in die Hände von Diktatoren fallen – und die Schweiz werde sich schlecht behaupten, wenn sie sich keine eigenständige KI leisten wolle.
Der US-Versichererverband BCBSA führt 942 Millionen Dollar Mehrkosten auf KI-gestützte Kodierung in Spitälern zurück: mehr komplexe Diagnosen, aber keine Hinweise auf mehr Behandlung. Die Studie kommt von der Gegenseite – und die Spitäler widersprechen.