NewsKategorienWissenNewsletter-ArchivEvents
AnmeldenKostenlos abonnieren
JEDEN MONTAG
Die wichtigsten KI-News der Woche — in 5 Minuten.

Der wöchentliche KI-Newsletter für die Schweiz. Kompakt, relevant, zero Bullshit. 5 Minuten lesen, 1 Woche informiert.

FOLGE UNS
LIXIG
NAVIGATION
KI NewsArchivNewsletter-ArchivAutorenÜber unsKontakt
KATEGORIEN
KI-ForschungKI-BusinessRegulierung & EthikKI in der SchweizKI-Tools & AppsNeue Modelle
WISSEN & REFERENZ
KI-GlossarKI-Events SchweizEvent einreichenLLM-VergleichSchweizer KI-StartupsFirmen & OrganisationenKI-Regulierung SchweizKI-Rechenzentren SchweizKI in der VerwaltungApertus in der Praxis
RECHTLICHES
ImpressumDatenschutzAGB
© 2026 Inoo GmbH · Altstätten SG · Schweiz
Ein Produkt von InooSwiss Made Software
HOME·NEWS·KI-FORSCHUNG

Dein Coding-Agent hat kein Zeitgefühl – und merkt es nicht

Claude Code und OpenAI Codex können weder vorhersagen, wie lange eine Aufgabe dauert, noch zuverlässig sagen, wie lange sie schon arbeiten. Eine MATS-Studie misst Fehlschätzungen um das Drei- bis Zehnfache – und zeigt, dass die Agenten sich zusätzlich rund 20 Punkte zu gute Noten geben. Was das für Timeouts, Kostenschätzungen und Projektkalkulation bedeutet.

Pascal Eugster
Pascal Eugster
GRÜNDER & ENTWICKLER
31. AUGUST 2026
4 MIN. LESEZEIT
Illustration einer Sanduhr mit elektroblauem Sand neben einer stehengebliebenen Werkstattuhr, kinewsletter.ch Stil
Illustration einer Sanduhr mit elektroblauem Sand neben einer stehengebliebenen Werkstattuhr, kinewsletter.ch Stil
INHALT
01Immer eineinhalb Stunden, egal was kommt02Nicht das Modell entscheidet, sondern die Hülle0370 Prozent gefühlt, 7 Prozent real04Eine Uhr repariert die halbe Sache05Was das für deine Projektplanung heisst
INHALT
01Immer eineinhalb Stunden, egal was kommt02Nicht das Modell entscheidet, sondern die Hülle0370 Prozent gefühlt, 7 Prozent real04Eine Uhr repariert die halbe Sache05Was das für deine Projektplanung heisst
Inoo GmbH
Präsentiert & entwickelt von
kinewsletter.ch ist ein Projekt der Inoo GmbH

KI-Beratung und Softwareentwicklung aus dem St. Galler Rheintal.

inoo.ch →
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

Frag deinen Agenten nie, wie lange etwas dauert oder wie gut es geworden ist – miss es. Ein simples Uhr-Werkzeug im Kontext repariert immerhin die Rückschau fast vollständig.

Zwei Forscher haben Claude Code und OpenAI Codex vor jeder Programmieraufgabe gefragt, wie lange sie brauchen werden – und danach, wie lange sie tatsächlich gebraucht haben. Beides beantworten die Agenten schlecht: Je nach Modell überschätzen sie die Dauer um das Drei- bis Zehnfache, und sie geben sich im Schnitt rund 20 Prozentpunkte zu gute Noten. Michael Ofengenden und Maksym Andriushchenko haben ihre Messungen am 14. August 2026 aus dem Forschungsprogramm MATS veröffentlicht, getestet auf 200 Aufgaben des Benchmarks ProgramBench sowie einer eigenen Sammlung aus 18 Benchmarks mit 235 Aufgaben.

Immer eineinhalb Stunden, egal was kommt

Auf ProgramBench raten beide Agenten praktisch dasselbe, unabhängig von der Schwierigkeit: rund 90 Minuten. Das trifft für Claude fast zu – Opus 4.8 lief im Schnitt 85 Minuten und sagte 99 voraus. Für Codex ist derselbe Pauschalwert ein Desaster: GPT-5.5 brauchte im Mittel 17,5 Minuten und kündigte 72 an, ein Faktor von 4,1. Nur 1 Prozent seiner Schätzungen lag innerhalb des 1,5-Fachen der Realität.

Claudes scheinbare Treffsicherheit ist also Zufall, kein Zeitgefühl. Die Forscher messen das mit einer Steigung: Folgten die Prognosen der Realität, läge sie bei 1. Gemessen wurden 0,24 für Claude und 0,19 für Codex – beide Agenten geben im Kern einen auswendig gelernten Mittelwert aus. Auf der grösseren Aufgabensammlung überschätzte Fable 5 um das 3,1-Fache, GPT-5.6 Sol um das 9,9-Fache. Am stärksten daneben liegen die Prognosen bei kurzen Aufgaben.

Nicht das Modell entscheidet, sondern die Hülle

Der grösste Einflussfaktor auf die Laufzeit ist gar nicht das Modell, sondern die Werkzeugumgebung drumherum – im Fachjargon die Harness. Claude Code arbeitet weiter, bis es die Aufgabe für gelöst hält, im Median 93 Minuten. Codex hört nach rund einer halben Stunde auf, fast egal wie komplex die Aufgabe ist. Dasselbe GPT-Modell braucht in Claude Code im Schnitt 2,5-mal so viele Schritte wie in Codex. Wenn du also zwei Agenten vergleichst, vergleichst du zuerst zwei Abbruchregeln – und erst danach zwei Modelle.

70 Prozent gefühlt, 7 Prozent real

Noch heikler ist die Selbstbenotung. Opus 4.8 und GPT-5.5 bewerteten ihre Ergebnisse im Schnitt 20 Punkte zu hoch und verteilten auch bei gescheiterten Aufgaben gute Noten. In einem Fall gaben sich beide rund 70 Prozent – die echten Werte waren 7 und 14,5 Prozent. Die neuere Generation dreht das Bild teilweise: Opus 5 unterschätzt sich um 11 bis 15 Punkte, GPT-5.6 Sol überschätzt sich noch um 7. Verlässlich ist beides nicht.

Der Effekt ist keine Einzelbeobachtung. Die Arbeit Can LLMs Perceive Time?, auf einem ICLR-2026-Workshop vorgestellt, kommt mit einem völlig anderen Versuchsaufbau in dieselbe Richtung: Vorab-Schätzungen liegen dort 4- bis 7-mal über der echten Dauer.

Eine Uhr repariert die halbe Sache

Die praktikabelste Erkenntnis steckt in den Zusatzversuchen. Bekommt der Agent ein Werkzeug, das ihm die verstrichene Zeit ausliest, liegt er in der Rückschau fast immer richtig. Entfernt man umgekehrt alle Zeitstempel aus dem Protokoll, verdoppelt sich der Fehler. Die Agenten lesen ihre Zeit also aus dem Kontext – aus Testlaufzeiten, Dateidaten, Git-Logs.

Was das für deine Projektplanung heisst

Für Schweizer Firmen kommt die Studie zum richtigen Moment. Laut dem «Schweizer Daten- und KI-Observatorium 2026» von Colombus Consulting stecken 69 Prozent der Unternehmen bei agentischer KI noch in der Explorations- oder Experimentierphase, nur 3 Prozent setzen Multi-Agenten-Systeme breiter ein – und 36 Prozent messen den greifbaren Nutzen ihrer KI-Projekte gar nicht. Genau jetzt werden also Timeouts, Budgets und Offerten aufgesetzt.

Drei Dinge nimmst du konkret mit:

  • Timeouts an der Harness ausrichten, nicht an der Ansage des Agenten. Ein Codex-Lauf, der nach 30 Minuten stoppt, und ein Claude-Code-Lauf mit 93 Minuten Median brauchen unterschiedliche Fenster.
  • Kosten selbst messen. Laufzeit heisst Tokenverbrauch. 2,5-mal mehr Schritte für dasselbe Modell sind grob 2,5-mal mehr Rechnung – unabhängig davon, was der Agent vorher geschätzt hat.
  • Selbstbewertung nie als Qualitätssicherung nutzen. Ein SELF_SCORE=90 ersetzt keinen Testlauf. Wer Agentenarbeit abnimmt, braucht eine echte Prüfung.

Ein Nebenaspekt ist verräterisch: Für einen menschlichen Experten veranschlagen dieselben Agenten das Drei- bis Vierfache ihrer eigenen Zeit. Bei einer besonders anspruchsvollen Aufgabe sagte Fable 5 für sich selbst 480 Minuten voraus – und für einen Menschen 240'000. Wer solche Zahlen ungeprüft in eine Offerte übernimmt, kalkuliert nicht, er würfelt.

Zweitautor Andriushchenko hat 2024 an der EPFL promoviert und leitet heute eine AI-Safety-Gruppe am ELLIS Institute Tübingen. Als Nächstes will das Team messen, ob Agenten eine vorgegebene Arbeitsdauer überhaupt einhalten können.

Quellen

Michael Ofengenden & Maksym Andriushchenko: Your Agents Are Not Time Aware (MATS 10, LessWrong, 14.08.2026)↗ EXTERNER LINKCan LLMs Perceive Time? (arXiv, ICLR-2026-Workshop)↗ EXTERNER LINKYour LLM Agents are Temporally Blind (Findings of ACL 2026)↗ EXTERNER LINKThe Decoder: AI agents have no sense of time and are not aware of it↗ EXTERNER LINKMETR: Measuring AI Ability to Complete Long Tasks (Time Horizons)↗ EXTERNER LINKMaksym Andriushchenko – Homepage (EPFL-Promotion 2024, AI Safety and Alignment Group)↗ EXTERNER LINKcmm360: CH-Unternehmen kommen bei KI kaum über Pilotprojekte hinaus (Schweizer Daten- und KI-Observatorium 2026, Colombus Consulting)↗ EXTERNER LINK
FIRMEN IN DIESEM ARTIKEL
AnthropicOpenAIEPFL
TEILEN
LinkedIn→X / Twitter→E-Mail→
KOSTENLOS ABONNIEREN
Diese News jeden Montag in dein Postfach?

WEITERLESENDas könnte dich auch interessieren.

Handgezeichnete Skizze einer Reihe kleiner Set-Top-Boxen auf einem Regal, verbunden durch blaue Kabel, mit einem blauen Keimling auf der letzten Box
Handgezeichnete Skizze einer Reihe kleiner Set-Top-Boxen auf einem Regal, verbunden durch blaue Kabel, mit einem blauen Keimling auf der letzten Box
KI-FORSCHUNG·13. OKTOBER 2026

Kleine KI-Modelle könnten sich bald auf Billiggeräten vermehren

Anthropics Red Team warnt in einer Studie, kleine Modelle könnten in Monaten fähig sein, sich auf günstigen Geräten wie Android-TV-Boxen selbst zu verbreiten. Der Test war bewusst vereinfacht.

Handgezeichnete Illustration zum Artikel «arXiv erlaubt dir nur noch zwei Paper pro Monat», kinewsletter.ch Stil
Handgezeichnete Illustration zum Artikel «arXiv erlaubt dir nur noch zwei Paper pro Monat», kinewsletter.ch Stil
KI-FORSCHUNG·3. OKTOBER 2026

arXiv erlaubt dir nur noch zwei Paper pro Monat

Die wichtigste Preprint-Plattform der Wissenschaft führt ein Einreichungslimit ein: zwei Paper pro Person und Monat. Grund ist die KI-getriebene Flut, die freiwillige Moderatoren überlastet.

Tuschskizze eines elektroblauen Proteinbands neben Lupe und DNA-Doppelhelix
Tuschskizze eines elektroblauen Proteinbands neben Lupe und DNA-Doppelhelix
KI-FORSCHUNG·2. OKTOBER 2026

DeepMind markiert KI-Proteine: 100 % Detektion, Funktion bleibt

Google DeepMind hat in Nature SynthID Bio vorgestellt, ein Wasserzeichen für KI-designte Proteine. Laut Paper erkennt es Sequenzen mit 100 % Trefferquote bei 0,1 % Fehlalarm, ohne die Funktion zu stören. Entfernbar ist es aber trotzdem.

Tuschskizze eines Schweissroboters in Elektroblau neben Stahlträger und Werkzeugtisch
Tuschskizze eines Schweissroboters in Elektroblau neben Stahlträger und Werkzeugtisch
KI-FORSCHUNG·2. OKTOBER 2026

Roboter können 74 % der körperlichen Aufgaben, rentabel sind 0.3 %

Anthropic hat gemessen, welche körperlichen Aufgaben Roboter heute übernehmen könnten: 74 %, das sind 34 % der Arbeitszeit. Kostengünstiger als Menschen sind sie aber nur bei 0.3 %. Bei heutigen Preistrends dauert es rund 40 Jahre bis 10 %.

Tuschskizze einer Wendeltreppe aus Zahnrädern und Platinen mit einem blau gefüllten Zahnrad im Zentrum
Tuschskizze einer Wendeltreppe aus Zahnrädern und Platinen mit einem blau gefüllten Zahnrad im Zentrum
KI-FORSCHUNG·29. SEPTEMBER 2026

22 KI-Forschende warnen vor einer «Intelligenzexplosion»

Geoffrey Hinton, Yoshua Bengio und OpenAI-Forschungschef Jakub Pachocki warnen in einem Papier vor einer Intelligenzexplosion. Automatisierte KI-Forschung könnte Jahre an Fortschritt in Monate pressen, die Politik brauche Einblick. Kritiker sehen auch Eigeninteresse der Labors.

Tusche-Skizze einer Küchenzeile: ein grosser elektroblauer Roboterarm greift nach einer Tasse, darunter eine offene Besteckschublade, dahinter Wasserkocher und Kartons.
Tusche-Skizze einer Küchenzeile: ein grosser elektroblauer Roboterarm greift nach einer Tasse, darunter eine offene Besteckschublade, dahinter Wasserkocher und Kartons. (Dark Mode)
KI-FORSCHUNG·28. SEPTEMBER 2026

Stanford steckt GPT-6 Astra direkt in einen Haushaltsroboter

Forschende aus Stanford und Caltech streichen bei ihrem Roboter die gelernte Steuerungsschicht und lassen ein Sprachmodell direkt die Bewegungsbefehle aussuchen. Was das taugt – und was die Demo verschweigt.

Mehr aus KI-Forschung →