NSA, CISA, FBI, Energieministerium und Umweltbehörde warnen gemeinsam: Angreifer lassen sich von KI Exploit-Skripte für Siemens-S7-Steuerungen schreiben und tarnen sie als Monitoring-Software. Betroffen sind Wasserwerke, Kraftwerke und Fabriken – Baureihen, die auch in der Schweiz überall laufen.
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Die Lücken in Siemens-S7-Steuerungen sind alt. Neu ist, dass KI die Einstiegshürde für ihre Ausnutzung von Spezialistenwissen auf Skript-Niveau senkt. Wer eine SPS am Internet hat, hat ab sofort ein akutes Problem – auch in der Schweiz.
Die NSA, die Cybersicherheitsbehörde CISA, das FBI, das US-Energieministerium und die Umweltbehörde EPA haben am 19. August 2026 ein gemeinsames Advisory veröffentlicht: Angreifer nutzen KI-generierte Python-Skripte, um ins Internet exponierte Siemens-S7-Steuerungen in kritischer Infrastruktur zu übernehmen. «Das ist kein theoretisches Risiko – es ist eine aktive Bedrohung», schreiben die fünf Behörden in der Zusammenfassung von AA26-231A. Betroffen sind laut Advisory die Baureihen S7-200, S7-300, S7-400, S7-1200 und S7-1500 – also praktisch das gesamte Simatic-Portfolio, das auch in Schweizer Wasserwerken, Kraftwerken und Fabrikhallen steckt.
Eine SPS – speicherprogrammierbare Steuerung, englisch PLC – ist ein kleiner Industriecomputer, der Pumpen anwirft, Ventile öffnet und Fliessbänder taktet. Sie ist das Bindeglied zwischen Software und physischer Welt. Wer sie kontrolliert, kontrolliert nicht nur Daten, sondern Druck, Durchfluss und Temperatur.
Genau deshalb ist das Advisory brisant. Die Behörden beschreiben, wie Angreifer über Internet-Scandienste wie Censys und ZoomEye exponierte Geräte suchen, sich über nicht geänderte Werkspasswörter Zugang verschaffen und dann eigene Werkzeuge einsetzen – gebaut aus der frei verfügbaren Open-Source-Bibliothek python-snap7 und KI-Unterstützung. Diese Tools sprechen das Siemens-Protokoll S7comm und geben Lese- und Schreibzugriff auf Speicher, Konfiguration und Steuerungslogik. Getarnt sind sie als legitime Monitoring-Software für Betriebstechnik.
Die eigentliche Nachricht steckt in einer Randnotiz des Advisorys. S7-Schwachstellen sind seit Jahren bekannt, ebenso der offene TCP-Port 102. Neu ist, wer sie ausnutzen kann:
Der Einsatz von KI zur Erzeugung von Exploit-Skripten reduziert die technische Expertise und den Zeitaufwand, die zur Entwicklung funktionierender ICS-Exploits nötig sind, drastisch.
Übersetzt: Angriffe auf industrielle Steuerungen waren bisher Spezialistenarbeit. Man musste S7comm verstehen, Ladder-Logic lesen und wissen, wie sich die Hardware verhält. Diese Eintrittsbarriere hat jahrelang mehr geschützt als jede Firewall. Sie fällt gerade weg – und die Behörden dokumentieren das nicht als Prognose, sondern als beobachtete Aktivität.
Wie sich das anfühlt, hat der Sommer bereits gezeigt. Ende Juli wurden an einem Wochenende über 30 kommunale Wasserversorger im US-Bundesstaat Minnesota angegriffen. Die Stadt Braham teilte ihren Einwohnern zunächst mit, das Wasserwerk sei «aus unbekanntem Grund» offline. Rund drei Stunden später lief es wieder – und die Stadt bestätigte, der Ausfall sei die Folge eines Cyberangriffs auf die computergesteuerten Betriebssysteme gewesen. Andere Gemeinden stellten vorübergehend auf Handbetrieb um.
Das Advisory selbst nennt keine Täter und spricht durchgehend nur von «threat actors». Sicherheitsforscher vermuten hinter der Minnesota-Welle die iran-nahe Gruppe CyberAv3ngers – bestätigt ist das nicht.
Siemens war laut Reuters für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar. Der Konzern hatte allerdings bereits Anfang Juli selbst eine Sicherheitswarnung an Kunden verschickt, damals mit Fokus auf die S7-1200, verbunden mit dem Aufruf, Firmware aktuell zu halten.
In der Schweiz gibt es zu diesem Advisory bislang keine eigene Behördenwarnung. Der Handlungsdruck existiert trotzdem – und zwar rechtlich. Seit dem 1. April 2025 gilt hierzulande die Meldepflicht für Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen: Betroffene müssen innert 24 Stunden ans Bundesamt für Cybersicherheit BACS melden. Seit Oktober 2025 drohen bei Unterlassung Bussen bis 100'000 Franken. In den ersten sechs Monaten gingen laut BACS 164 Meldungen ein, 7,6 Prozent davon aus dem Energiesektor.
Die Branche ist nicht ahnungslos. Der SVGW, der Fachverband für Gas und Wasser, hat schon 2019 einen Cyber-Minimalstandard für Wasserwerke entwickelt; Cybersicherheit gehört heute zur Ausbildung von Brunnenmeistern. Die Organisation und Informatik der Stadt Zürich formulierte es nach Minnesota nüchtern: Man nehme die Meldung ernst, sie löse aber keine Panik aus. Und der Nachrichtendienst des Bundes hält fest, dass es «für Sabotageangriffe auf kritische Infrastruktur in der Schweiz derzeit keinen Hinweis» gebe.
Das ist die gute Nachricht. Die unangenehme: Die S7-Baureihen aus dem Advisory sind in Schweizer KMU-Fertigung, Gebäudetechnik und Versorgung Standardware – und ein Scan-Dienst kennt keine Landesgrenze.
Die Empfehlungen der Behörden sind unspektakulär und genau deshalb umsetzbar. Wenn du für eine Anlage verantwortlich bist:
Für modellspezifische Hinweise verweist das Advisory ausdrücklich auf Siemens ProductCERT. Und wenn es doch passiert: Die 24-Stunden-Uhr des BACS läuft ab dem Moment, in dem du den Vorfall entdeckst.
Anthropic entschärft seine umstrittene Speicherpflicht: Die 30 Tage bleiben, aber die Daten sollen künftig in der Cloud des Kunden liegen. Laut Reuters haben über 100 Kunden am System mitgebaut – Anthropic selbst hatte die Regel im eigenen Risk Report als «unpopulär» bezeichnet. Für Schweizer Firmen verschiebt sich damit die entscheidende Frage von «wie lange» zu «bei wem».