Anthropic entschärft seine umstrittene Speicherpflicht: Die 30 Tage bleiben, aber die Daten sollen künftig in der Cloud des Kunden liegen. Laut Reuters haben über 100 Kunden am System mitgebaut – Anthropic selbst hatte die Regel im eigenen Risk Report als «unpopulär» bezeichnet. Für Schweizer Firmen verschiebt sich damit die entscheidende Frage von «wie lange» zu «bei wem».
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Nicht die Speicherdauer ist der eigentliche Streitpunkt, sondern der Speicherort – und den gibt Anthropic künftig an den Kunden ab.
Anthropic will seine umstrittene Speicherpflicht für Geschäftskunden entschärfen: Das 30-Tage-Fenster für die fähigsten Claude-Modelle bleibt bestehen, aber die Daten sollen künftig in der Cloud des Kunden liegen statt auf Anthropics eigenen Servern. Das berichtete Bloomberg am 20. August 2026 unter Berufung auf eine informierte Quelle; Reuters bestätigte es am selben Tag über eine eigene Quelle. Der Rollout ist für diesen Herbst geplant. Eine offizielle Ankündigung von Anthropic gibt es bislang nicht.
Die Regel ist seit dem 9. Juni 2026 in Kraft. Laut Anthropics Help Center werden Prompts und Ausgaben der sogenannten Covered Models – der Mythos-Klasse und künftiger, ähnlich leistungsfähiger Modelle – 30 Tage aufbewahrt, auf jeder Plattform, auf der sie angeboten werden. Betroffen sind ausschliesslich Organisationen mit Zero Data Retention (ZDR), also mit der Zusicherung, dass gar nichts gespeichert wird. Die Privatabos Free, Pro und Max ändern sich nicht.
Anthropics Begründung: Manche Angriffe werden erst über viele Anfragen hinweg sichtbar. Genannt werden Best-of-N-Jailbreaking – hunderte leicht abgewandelte Varianten desselben Prompts, in der Hoffnung, dass eine durchrutscht – sowie staatlich gestützte Spionage und Erpressungskampagnen.
Neu ist also nicht die Dauer, sondern der Ort. Laut Reuters arbeitet Anthropic seit Monaten an dem System und stimmt sich dabei mit über 100 Kunden ab, darunter Salesforce – nach Angaben von The Decoder Kunden aus regulierten Branchen.
Anthropic hat das kommen sehen. Im Risk Report vom August 2026 schreibt das Unternehmen über den eigenen Entscheid (aus dem Englischen übersetzt):
Wir gehen davon aus, dass er bei Kunden unpopulär sein wird, die null Speicherung gewohnt sind, und reale Risiken für unseren Geschäftserfolg birgt – besonders, wenn die Konkurrenz nicht nachzieht. Wir halten ihn aber für unerlässlich, um raffinierte Angriffe zu erkennen und zu verhindern, die sich über mehrere Anfragen erstrecken.
Genau so kam es: Microsoft schränkte im Juni laut PYMNTS die Nutzung von Claude Fable 5 durch Mitarbeitende ein, solange die Rechtsabteilung prüfte. Und einen Tag vor dem Bloomberg-Bericht legte OpenAI mit Zero Data Retention plus «Private Safety Processing» nach – das haben wir hier eingeordnet. Anthropics Antwort darauf ist kein Rückzug, sondern ein Kompromiss: Wir behalten die 30 Tage, ihr behaltet die Daten.
Für Schweizer Organisationen ist der Ort keine Formalie. Der EDÖB hält fest, dass das seit dem 1. September 2023 geltende Datenschutzgesetz technologieneutral formuliert und damit direkt auf KI-gestützte Datenbearbeitungen anwendbar ist – bei hohen Risiken verlangt es eine Datenschutz-Folgenabschätzung. Wer bestimmt, wo Daten 30 Tage lang liegen, bestimmt auch Region, Zugriffsweg und Rechtsraum – genau die Punkte, die eine Kanzlei, eine Bank oder ein Spital in dieser Folgenabschätzung beantworten muss.
Bemerkenswert: Über Amazon Bedrock und die Google Cloud Agent Platform gilt das Prinzip bereits heute – dort bleiben die aufbewahrten Daten laut Anthropic in AWS beziehungsweise in GCP. Neu wäre es für den direkten Weg zu Anthropic.
Ein Vorbehalt bleibt: Die Zusage steht bisher nur in Berichten, nicht in einem Vertrag. Bis Anthropic die Details selbst publiziert, ändert sich an deiner Risikoabwägung nichts.
Drei von vier Amerikanerinnen und Amerikanern lehnen ein Rechenzentrum in ihrer Nachbarschaft ab – ein Schwenk von 33 Prozentpunkten in zwölf Monaten.