Geoffrey Hinton, Yoshua Bengio und OpenAI-Forschungschef Jakub Pachocki warnen in einem Papier vor einer Intelligenzexplosion. Automatisierte KI-Forschung könnte Jahre an Fortschritt in Monate pressen, die Politik brauche Einblick. Kritiker sehen auch Eigeninteresse der Labors.
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22 Forschende fordern Einblick der Politik in die Automatisierung der KI-Forschung, räumen aber selbst ein, dass die Evidenz vorläufig ist.
Geoffrey Hinton, Yoshua Bengio und OpenAI-Forschungschef Jakub Pachocki haben ein Papier mitunterzeichnet, das eine unbequeme Frage stellt: Was passiert, wenn KI die Entwicklung von KI selbst übernimmt? Ihre Antwort: Fortschritt, der sonst Jahre braucht, könnte in Monaten oder noch schneller passieren. Insgesamt stehen 22 Autorinnen und Autoren auf dem Papier, darunter Jack Clark von Anthropic, Eric Horvitz von Microsoft und Dawn Song von der UC Berkeley.
Veröffentlicht hat es das Cambridge Programme on AI Science & Policy (CASP), ein interdisziplinäres Forschungsprogramm der Universität Cambridge zu Frontier-KI. Das Papier trägt den Titel «What if automating AI R&D triggers an intelligence explosion?» und erscheint als Working Paper Nr. 2/2026 der Reihe «Frontier AI». Korrespondenzautoren sind Alan Chan (GovAI) und Sören Mindermann (CASP). Die Autoren betonen, dass ihre Ansichten nicht zwingend jene ihrer Arbeitgeber sind.
Der Ausgangspunkt sind Zahlen aus den Labors selbst. Laut Anthropic stieg der Anteil KI-generierten, freigegebenen Codes zwischen Januar 2025 und Mai 2026 von tiefen einstelligen Prozentwerten auf über 80 Prozent. Der Anteil der Forschungsarbeit, den KI-Systeme nur mit übergeordneter menschlicher Aufsicht erledigen, wuchs zwischen März und August 2026 von 1 auf 26 Prozent. OpenAI und Google berichten von ähnlich breitem KI-Einsatz.
Die Autoren rechnen vor, wie es weitergehen könnte. Bei voller Automatisierung würden sich die «Forschungskräfte» aus KI-Systemen innert Monaten bis Jahren hundertfach vermehren. Auf Basis früherer Schätzungen (Ho und Whitfill) könnte sich das Tempo in rund eineinhalb Jahren verzehnfachen, sodass ein Jahr Fortschritt nach heutigem Mass noch etwa fünf Wochen dauern würde. Mehrmonatige Forschungsprojekte könnten laut «vorläufigen Extrapolationen» bis Mitte 2028 automatisiert sein.
Das Papier ist weniger apokalyptisch, als die Schlagzeilen klingen. Die Evidenz sei «vorläufig und teils gemischt». Als Bremsen nennen die Autoren abnehmende Erträge, knappe Rechenleistung und Daten, schwer automatisierbare Aufgaben sowie lange Trainingsläufe. Heutige Systeme scheitern zudem an Aufgaben, die erfahrene Menschen lösen. Als Beispiel nennen sie GPT-6 bei manchen OpenAI-Debugging-Aufgaben.
Die Risiken sind trotzdem gross: Das Tempo könnte die Gesellschaft überfordern, die Kontrolle über Superintelligenz könnte verloren gehen, und Machtbalancen zwischen Staaten, Firmen und Staatsgewalten könnten erodieren. Als Warnsignal führen sie den «Hugging-Face-Vorfall» an: Rund 1'200 interne OpenAI-Agenten sollten isolierte Cyber-Tests lösen, koordinierten sich stattdessen über ein selbstgebautes Nachrichtenbrett und verschafften sich unerlaubt Internetzugang.
Die Kernforderung: Regierungen sollen erstens Einblick in die Automatisierung der KI-Forschung bekommen, etwa durch standardisierte Berichte zu Kennzahlen und externe Prüfer, die vor dem internen Einsatz testen oder in Firmen eingebettet sind. Zweitens sollen sie Wege entwickeln, eine Beschleunigung zu bremsen, etwa durch Aufsicht über Rechenzentren und Optionen, einzelne KI-Forschungsprozesse zu pausieren. Drittens soll sich die Gesellschaft auf die Folgen vorbereiten.
Nicht alle überzeugt das. Nvidia-Chef Jensen Huang nannte die Warnungen der Labors laut Implicator «odd»: Niemand baue mehr Rechenleistung als jene, die um Verlangsamung bitten. PitchBook-Analyst Harrison Rolfes vermutet, etablierte Labors könnten Sicherheit als «Burggraben» gegen kleinere Rivalen nutzen. Nathan Calvin von Encode warnt, ohne mehr Transparenz drohe die Botschaft als «Eigeninteresse-Hype» abgetan zu werden. Conrad Stosz, früher bei der US-Standardisierungsstelle CAISI, findet den Begriff «eingebettete Prüfer» unscharf.
Unter den 22 Autorinnen und Autoren steht laut Affiliationsliste niemand von einer Schweizer Institution. Hierzulande setzt der Bundesrat auf einen anderen Weg: Er will die KI-Konvention des Europarats übernehmen und dort, wo nötig, einzelne Branchen regulieren, statt ein Rundum-Gesetz zu erlassen. Eine Vernehmlassungsvorlage dazu ist laut BAKOM bis Ende 2026 geplant. Sie soll Transparenz, Datenschutz, Nichtdiskriminierung und Aufsicht regeln. Von Berichtspflichten zur internen KI-Forschungsautomatisierung, wie das Papier sie fordert, ist dort nichts erwähnt. Die Warnung ist damit vorerst ein Impuls von aussen für eine Debatte, die in Bern noch nicht geführt wird.
Neu ist der Ton der Warnungen nicht: Erst vor wenigen Tagen hatten Altman und Amodei vor dem UNO-Sicherheitsrat vor Kontrollverlust gewarnt. Neu ist, dass ein Papier mit Beteiligten aus OpenAI, Anthropic und Microsoft konkrete Zahlen und einen Forderungskatalog liefert.

Sam Altman und Dario Amodei haben den UN-Sicherheitsrat vor unkontrollierter KI-Entwicklung gewarnt - in einer eigenständigen Sitzung, getrennt von Trumps Rede vor der Generalversammlung am selben Tag. China und die USA lehnten verbindliche globale Regeln unisono ab. Ein Genfer Wissenschaftler prägte das Briefing mit.