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KI als Sündenbock? Die Entlassungswelle wird zum Pulverfass

Zehntausende Tech-Angestellte verlieren ihren Job – offizieller Grund: künstliche Intelligenz. Gleichzeitig macht eine kleine Gruppe von KI-Insidern über Nacht Vermögen. Diese Schere ist sozialer Sprengstoff – und manche zweifeln, ob KI wirklich der Auslöser ist.

Pascal Eugster
Pascal Eugster
GRÜNDER & ENTWICKLER
16. JUNI 2026
3 MIN. LESEZEIT
Skizze eines fast leeren Grossraumbüros mit gepackten Umzugskartons, eine Person räumt ihren Arbeitsplatz, kinewsletter.ch Stil
Skizze eines fast leeren Grossraumbüros mit gepackten Umzugskartons, eine Person räumt ihren Arbeitsplatz, kinewsletter.ch Stil
INHALT
01974 Entlassungen pro Tag02«Die Silver-Bullet-Ausrede»03Mansion hier, Massenentlassung dort04Was die Schweiz daraus lernen kann
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DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

Während Tech-Konzerne Rekordgewinne machen und KI als Entlassungsgrund nennen, werden KI-Insider zu Millionären – eine Kombination, die laut Beobachtern gefährlich werden könnte.

In der Tech-Branche passiert gerade etwas Seltsames: Konzerne vermelden Rekordgewinne und entlassen im selben Atemzug Zehntausende Menschen – mit der offiziellen Begründung, künstliche Intelligenz mache deren Arbeit überflüssig. Was nach einer nüchternen Effizienzgeschichte klingt, entwickelt sich laut einer vielbeachteten Analyse von TechCrunch zu einem sozialen Pulverfass.

974 Entlassungen pro Tag

Die Zahlen sind happig. Laut dem Tracker TrueUp gab es allein dieses Jahr rund 363 Stellenabbau-Runden bei Tech-Firmen, von denen fast 150'000 Menschen betroffen waren – ein Tempo von etwa 974 Entlassungen pro Tag und damit 44 Prozent schneller als im Vorjahr. Der Trend beschleunigt sich: Der vergangene Monat war laut der Outplacement-Firma Challenger, Gray & Christmas der entlassungsstärkste seit zwei Jahren, mit knapp 40'000 Stellenstreichungen. KI war dabei den dritten Monat in Folge der meistgenannte Grund – quer durch alle Branchen.

«Die Silver-Bullet-Ausrede»

Doch genau an dieser Begründung wachsen die Zweifel. Immer mehr Stimmen halten KI für einen bequemen Vorwand statt den tatsächlichen Auslöser. Der bekannte Investor Marc Andreessen nannte KI kürzlich die «Silver-Bullet-Ausrede» für Entlassungen, die in Wahrheit oft mit Missmanagement und jahrelangem Über-Anstellen zu tun hätten: «Im Grunde ist jedes grosse Unternehmen um mindestens 25 Prozent überbesetzt», so Andreessen.

Ein Lehrstück dafür lieferte der Zahlungsdienstleister Block: Nachdem die Firma Anfang Jahr fast die Hälfte der Belegschaft entlassen hatte, verteidigte Gründer Jack Dorsey den Schritt zunächst als neue, KI-getriebene Arbeitsweise – nur um später einzuräumen, dass Block während der Pandemie schlicht zu viele Leute eingestellt hatte.

Mansion hier, Massenentlassung dort

Brisant wird die Sache durch den Kontrast zum Reichtum an der Spitze. Während Zehntausende ihren Arbeitsplatz verlieren, entsteht bei einer kleinen Gruppe von KI-Insidern Vermögen in schwer fassbarem Ausmass. Der KI-Chiphersteller Cerebras legte bei seinem Börsengang am ersten Tag 68 Prozent zu und kam auf rund 67 Milliarden Dollar Marktwert – die beiden Gründer wurden über Nacht zu Milliardären (die Aktie hat seither 30 Prozent verloren). SpaceX ging vergangenen Freitag an die Börse, wird mit rund 2,1 Billionen Dollar bewertet und machte Elon Musk auf dem Papier zum Billionär – samt geschätzt 4'400 frisch gebackenen Millionären in der Belegschaft.

Das wohl sprechendste Bild: Mark Zuckerberg kaufte im März eine 170-Millionen-Dollar-Villa in Miami. Zwei Monate später kündigte Meta an, 8'000 Stellen zu streichen – rund 10 Prozent der Belegschaft.

Was die Schweiz daraus lernen kann

Bemerkenswert ist, was viele Ökonominnen und Ökonomen sagen: Als eigentliche Treiber der Zurückhaltung gelten nicht die Maschinen, sondern Zölle, geopolitische Unsicherheit und die allgemeine Wirtschaftslage. KI dient in dieser Lesart vor allem als gut klingende Erklärung.

Für die Schweiz ist das mehr als eine US-Randnotiz. Auch hierzulande setzen laut Branchenerhebungen bereits rund sechs von zehn Firmen KI-Werkzeuge ein – und das Narrativ «KI ersetzt Jobs» hält Einzug in die Chefetagen. Die Versuchung, Stellenabbau mit dem Modewort KI zu begründen, ist gross, weil Aktienkurse oft positiv darauf reagieren.

Einordnung: Das Gefährliche ist die Optik. Anders als 2008 gibt es keinen Crash, auf den man zeigen könnte – die Konzerne sind profitabel, KI produziert neue Vermögen, und trotzdem wird entlassen. Wenn Tausende Entlassene auf ein teures Lebensumfeld treffen, während eine kleine Gruppe mit genau der Technologie reich wird, die angeblich ihre Jobs ersetzt, entsteht ein Spannungsfeld, das sich auch in Europa und der Schweiz aufladen kann. Unternehmen, die KI vorschnell als Begründung vorschieben, sollten sich gut überlegen, welche Botschaft sie damit senden.

Quellen

The AI layoff wave is becoming a powder keg – TechCrunch↗ EXTERNER LINKJob Cuts Report – Challenger, Gray & Christmas↗ EXTERNER LINKCerebras IPO mints two billionaires – CNBC↗ EXTERNER LINKMarc Andreessen calls AI the 'silver bullet excuse' for layoffs – Fortune↗ EXTERNER LINK
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