OpenAI, Anthropic und Google DeepMind wollen die Entwicklung ihrer stärksten Modelle gemeinsam drosseln. Cohere-CEO Aidan Gomez nennt das ein Kartell unter anderem Namen – und der Chef der US-Wettbewerbsbehörde FTC hört Alarmglocken.
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Aus der Sicherheitsdebatte ist innerhalb weniger Tage ein Wettbewerbsstreit geworden. Die eigentliche Frage lautet jetzt nicht mehr, wie schnell KI sein darf – sondern wer das entscheiden darf.
Der Plan der drei grössten KI-Labore, ihre stärksten Modelle gemeinsam langsamer zu entwickeln, hat innerhalb weniger Tage breiten Gegenwind ausgelöst. Cohere-Mitgründer und CEO Aidan Gomez nannte den Vorstoss in einem Blogbeitrag vom 13. September «a wolf in sheep's clothing, a cartel by any other name» – ein Wolf im Schafspelz, ein Kartell unter anderem Namen. Kurz darauf meldeten sich auch die US-Wettbewerbsbehörde FTC und das Weisse Haus zu Wort. Beide ablehnend.
Zum Hintergrund: Anthropic-CEO Dario Amodei hatte vergangene Woche eine gemeinsame Drosselung an der Leistungsspitze gefordert – und dafür eine eng gefasste Ausnahme vom Kartellrecht. Altman, Hassabis und Musk stimmten zu. OpenAI-Cheflobbyist Chris Lehane bestätigte am 15. September, die drei Firmen sprächen seit Wochen über Sicherheit – eine Ausnahme brauche es dafür aber nicht.
Gomez' Kritik zielt nicht auf Sicherheitstests. Unabhängige Prüfungen leistungsfähiger Systeme unterstützt er ausdrücklich. Sein Einwand ist ein anderer: Wer schreibt den Massstab, nach dem geprüft wird – und wer darf mitreden?
«Wenn das die folgenreichste Technologie der Menschheitsgeschichte ist, dann können die Regeln dafür nicht von einer kleinen Gruppe kommerziell verbundener Unternehmen hinter einer Kartellrechts-Ausnahme geschrieben werden.»
Besonders scharf geht Gomez mit den Eintrittshürden ins Gericht: enorme Rechenleistung, dauerhafte Überwachungs-Infrastruktur, eigene Sicherheitsorganisationen, fest eingebettete Prüfteams, tiefe Regierungskontakte. Wer das nicht stemmen kann, spielt nicht mehr mit.
Gomez untermauert das historisch. 1975 kürte die US-Börsenaufsicht SEC drei Firmen zu offiziell anerkannten Rating-Agenturen, ohne je zu veröffentlichen, wie andere diesen Status erlangen könnten. 25 Jahre später waren es immer noch genau diese drei – und sie bewerteten Subprime-Papiere mit Bestnote. Ähnlich die europäische Kfz-Gruppenfreistellung von 1985: Die EU-Kommission brauchte rund 25 Jahre Reformen, um sie wieder aufzulösen.
Die Pointe ist dieselbe: Niemand wollte ein Kartell bauen. Am Ende stand trotzdem eine Marktstruktur, die die Etablierten schützte.
Auch die Politik zog schnell nach. FTC-Chairman Andrew Ferguson sagte am 15. September an der Georgetown University – ausdrücklich als persönliche Meinung und ohne Anthropic zu nennen: Wenn Unternehmen gleichzeitig nach neuen Regulierungen und nach einer Kartellrechts-Ausnahme fragten, gingen bei ihm alle Alarmglocken an. Sie verlangten damit Eintrittsbarrieren, die ihre Position vor Konkurrenz abschirmten, zitiert ihn Reuters. Kartellrechtler halten die Ausnahme ohnehin für überflüssig: Für Absprachen gegen katastrophale Risiken gebe es bestehende Rechtsfiguren – der Austausch zu Cybersicherheit gilt US-Behörden längst als zulässig.
Und dann war da der Anruf. Als Nvidia-CEO Jensen Huang am 14. September am All-In Summit über Amodeis Vorstoss diskutierte, rief Präsident Donald Trump an – und Huang stellte ihn auf Lautsprecher. «Wir werden das nicht zulassen. Es ist ein Schwindel», sagte Trump. Huangs Antwort: «Sie haben recht. Wir werden das nicht zulassen, Sir.» Sicher ist der politische Rückhalt trotzdem nicht: Laut einer von TechCrunch zitierten Gallup-Umfrage lehnen sieben von zehn Amerikanern Rechenzentren in ihrer Nähe ab.
Wer die Prüfmassstäbe für Spitzenmodelle setzt, entscheidet mit darüber, welche Modelle du hier überhaupt zu sehen bekommst. Eine Schweizer Stellungnahme zum Vorstoss gibt es bislang nicht. Immerhin: Patrik Ducrey, Leiter des Weko-Sekretariats, nannte Ende März bei der Präsentation des Jahresberichts zwei KI-Gefahren – die weitere Konzentration bei den Firmen hinter den grossen Modellen und den Missbrauch von KI für Preisabsprachen. Ein Pendant zur deutschen Expertenkommission «Wettbewerb und KI» gibt es in Bern nicht; nötig sei das nicht, sagte Ducrey damals.
Was ein US-Kartellrechts-Waiver für ein Land bedeutet, das weder mitverhandelt noch eine eigene Aufsicht für Frontier-Modelle hat, ist offen. Gestellt wird die Frage ab jetzt lauter.

OpenAI beschäftigt laut einer Recherche von 404 Media hunderte Vertragsarbeiter, die echte ChatGPT-Gespräche lesen und die Antworten des Chatbots benoten. Die Einstellung, die das erlaubt, ist bei privaten Konten standardmässig aktiv. So findest und deaktivierst du sie.