Monda Futura und gfs.bern liessen 2'203 Personen 40 Zukunftsszenarien bewerten. KI im Alltag landete auf Rang 39 von 40 – obwohl vier von fünf sie nutzen.
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Hohe KI-Nutzung und hohe KI-Skepsis schliessen sich nicht aus: Die Schweiz akzeptiert KI als Werkzeug und lehnt sie als Ordnungsprinzip des Alltags ab.
Der Schweizer Verein Monda Futura hat gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut gfs.bern den ersten «Schweizer Zukunftskompass» vorgelegt – eine repräsentative Befragung von 2'203 Personen ab 15 Jahren, die im Frühjahr 2026 insgesamt 40 Alltagsszenarien bewerteten. Das Szenario «Menschen entscheiden, Künstliche Intelligenz führt aus» landete mit −0,21 Punkten auf Rang 39 von 40, die datengetriebene Gesundheitsüberwachung mit −0,24 auf dem letzten Platz. Ganz oben stehen eine florierende Natur (1,60) und regionale Lebensmittelproduktion (1,58). SRF und Netzwoche berichteten am 27. August darüber.
Die Skala reicht von −2,00 («damit könnte ich nicht leben») bis +2,00 («das würde ich klar unterstützen»), 0,0 bedeutet «gerade noch akzeptabel». Ein Wert von −0,21 ist also keine Fundamentalopposition, sondern ein knappes Unbehagen. Im Vergleich fällt er trotzdem hart aus: Technophile Zukunftsbilder erreichen als Gruppe im Schnitt 0,32 und bilden damit das Schlusslicht – hinter öko-sozialen Entwürfen (1,17), liberal-bürgerlichen Szenarien (0,90) und gemeinschaftlichen Experimenten (0,39). Umgekehrt schafft es ausgerechnet der «bewusste Rückzug aus digitaler Dauerpräsenz und Künstlicher Intelligenz» mit 1,21 in die Top 10.
Aufschlussreich ist die Streuung. Die beiden KI-nahen Verlierer-Szenarien haben mit Standardabweichungen von 1,31 und 1,23 die grössten Meinungsunterschiede im ganzen Feld; die Spitzenreiter liegen bei 0,61 bis 0,65. Die Ablehnung ist also nicht einhellig – KI ist schlicht das strittigste Thema der ganzen Studie. Gemäss SRF ist die Skepsis in der Romandie stärker ausgeprägt als in der Deutschschweiz oder im Tessin.
Vor zwei Tagen haben wir hier berichtet, dass laut IGEM-Digimonitor 2026 vier von fünf Personen in der Schweiz KI nutzen: 80 Prozent, doppelt so viele wie 2024, fast jede dritte Person täglich. Das klingt nach dem exakten Gegenteil. Ist es aber nicht.
Die beiden Erhebungen messen schlicht Verschiedenes. Der Digimonitor fragt nach dem Verhalten – nutzt du KI-Dienste? Der Zukunftskompass stellt zu jedem Szenario die Frage: «Wie gut könntest du mit dieser Zukunft leben?» Gefragt ist also nicht die App auf deinem Handy, sondern ein Gesellschaftsmodell. Der Bericht nennt diesen Befund selbst «Technologie-Paradoxon» und stützt ihn auf eine Comparis-Erhebung, wonach 76,1 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz KI-Chatbots aktiv nutzen.
Die Schweiz ist nicht technikfeindlich. Sie akzeptiert KI als Werkzeug – und lehnt sie als Ordnungsprinzip des Alltags ab.
Vor der grossen Deutung lohnt ein Blick ins Kleingedruckte. Die Rohstichprobe war politisch nach links verzerrt. Die Forschenden gewichteten deshalb nach Sprache, Geschlecht, Alter, Bildung, Urbanisierungsgrad und politischer Selbsteinstufung – korrekt, aber teuer: Die effektive Stichprobengrösse sank auf 697 Personen. Aus 2'203 Befragten wird statistisch also ein deutlich kleineres Sample. Auftraggeber ist der 2023 gegründete Verein Monda Futura, unterstützt von Migros-Pionierfonds, Bund und Mobiliar; gfs.bern lieferte den quantitativen Teil.
Dazu kommt: Kosten und Umsetzbarkeit waren bewusst ausgeklammert. «Wir haben in den Szenarien bewusst die Folgen nicht eingebaut», sagt Vereinsgründer Raffael Wüthrich gegenüber SRF – und räumt ein, dass manche Antworten auch sozial erwünscht ausfallen dürften. Eine Wunschzukunft anzukreuzen ist eben günstiger, als sie zu bezahlen.
Für Schweizer Firmen, die gerade KI einführen, steckt die praktische Erkenntnis im Wortlaut des abgestraften Szenarios: «Menschen entscheiden, Künstliche Intelligenz führt aus.» Nicht die Technologie stört, sondern das Bild einer Automatisierung, die über die Köpfe hinweg läuft. Wer KI intern als Effizienzprogramm ankündigt, bedient genau dieses Bild. Wer sie als Werkzeug in der Hand der Mitarbeitenden zeigt, trifft die belegte Präferenz.
Drei Konsequenzen für die Kommunikation:
Monda Futura versteht den Kompass ausdrücklich als Angebot an Politik und Unternehmen. Wer ihn ernst nimmt, liest daraus keine Absage an KI – sondern eine ziemlich präzise Gebrauchsanweisung dafür, wie man sie einführt, ohne die Leute zu verlieren.