Nach 21 Jahren ist am 30. September Schluss. Eine EPFL-Studie zeigte schon 2023: Ein Drittel bis die Hälfte der Worker nutzte selbst KI.
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Amazon schliesst Mechanical Turk per 30. September 2026 – die Kleinstaufträge, die den Dienst 21 Jahre lang trugen, erledigen KI-Modelle heute selbst. Wie gründlich sich das Verhältnis gedreht hat, zeigte eine EPFL-Studie schon 2023: 33 bis 46 Prozent der eingereichten Texte entstanden mit Hilfe von Sprachmodellen.
Amazon schliesst seine Crowdworking-Plattform Mechanical Turk am 30. September 2026, nach 21 Jahren. Auf mturk.com steht seit dem 25. August ein knappes Banner: Nach einer Prüfung habe man entschieden, AWS Mechanical Turk zu schliessen. Der Dienst vermittelte zeitweise über 500'000 Menschen Kleinstaufträge für wenige Cents pro Stück – genau die Arbeit, die KI-Modelle inzwischen selbst erledigen. Jeff Bezos hatte das Prinzip einst «artificial artificial intelligence» genannt, künstliche künstliche Intelligenz.
2005 gestartet, brachte MTurk Unternehmen und Forschende mit Menschen zusammen, die sogenannte Human Intelligence Tasks (HITs) abarbeiteten: Bilder beschriften, Audio und Video transkribieren, Umfragen ausfüllen, Daten sortieren. Bezahlt wurde pro Aufgabe, oft im einstelligen Cent-Bereich. Den Namen lieferte der Schachtürke von 1769 – ein vermeintlich denkender Automat, in dessen Schrank ein Mensch sass.
Die Schliessung trifft mehr als die Plattform selbst. Laut Amazons FAQ verschwindet der Worker-Typ «Mechanical Turk» am 30. September auch aus SageMaker Ground Truth und Amazon Augmented AI. Boni können Auftraggeber noch bis zum 30. Oktober auszahlen. Neue Kunden nahm Amazon bereits seit dem 30. Juli nicht mehr auf.
Die pikanteste Fussnote zu diesem Ende kommt aus der Schweiz. Drei Forschende der EPFL – Veniamin Veselovsky, Manoel Horta Ribeiro und Robert West – liessen im Juni 2023 MTurk-Worker medizinische Abstracts zusammenfassen und protokollierten dabei Tastenanschläge und Copy-Paste-Muster. Ihr Ergebnis: 33 bis 46 Prozent der 46 eingereichten Zusammenfassungen entstanden mit Hilfe von Sprachmodellen. Der Titel der Studie: «Artificial Artificial Artificial Intelligence» – ein «artificial» mehr als bei Bezos.
Die Stichprobe ist klein, und die Forschenden schränken selbst ein, dass sich der Befund nicht auf jede Aufgabe übertragen lässt. Unbequem bleibt er trotzdem: Wer menschliche Referenzdaten einkaufte, bekam teilweise Maschinen-Output zurück – und trainierte damit die nächste Modellgeneration.
Die Schweiz steht auf Amazons Liste der Länder, aus denen sich Auftraggeber registrieren konnten. Für die Sozial- und Verhaltensforschung war MTurk jahrelang der günstigste Weg, kurzfristig hunderte Studienteilnehmende zu rekrutieren. Dieser Kanal fällt in gut einem Monat weg.
Ersatz gibt es. Prolific, Scale AI und Mercor rekrutieren seit Jahren Menschen für das Training von KI-Modellen. Krista Pawloski, Datenarbeiterin und Organisatorin der Interessengruppe Turkopticon, sagte CNBC, MTurk sei seit Jahren im Sinkflug: Amazon habe immer weniger investiert, viele Turker seien zu Konkurrenzplattformen abgewandert. Versicherer und Reiseunternehmen, die noch auf MTurk setzten, suchen jetzt kurzfristig Alternativen.
Für dich heisst das: Die Arbeit verschwindet nicht, sie wandert – von der offenen Crowd zu spezialisierten Anbietern mit geprüften Fachleuten. Was verschwindet, ist der Ort, an dem sich für ein paar Cent nachschauen liess, wer hinter der Automatisierung sitzt.