Die Financial Times hat Anthropics Finanzzahlen vor dem geplanten Börsengang offengelegt: 65 Milliarden Dollar annualisierter Umsatz, der erste operative Gewinn und 6'000 Grosskunden. Beeindruckend – und trotzdem erst ein Drittel dessen, was die angestrebte Bewertung von 2 Billionen Dollar verlangt.
Kostenloses Erstgespräch — herstellerneutral, direkt aus dem Rheintal.
Anthropics Umsatz hat sich seit Ende 2025 versiebenfacht, doch für eine 2-Billionen-Bewertung muss er sich bis 2028 noch einmal verdreifachen – und ausgerechnet das teuerste Modell trägt kaum dazu bei.
Anthropic hat seinen annualisierten Umsatz bis Ende Juli 2026 auf 65 Milliarden Dollar gesteigert – im Mai waren es noch 47 Milliarden. Das berichtet die Financial Times unter Berufung auf Personen mit Einblick in die Zahlen. Es ist der detaillierteste Blick in die Bücher des Claude-Herstellers vor dem für September oder Oktober geplanten Börsengang. Und er zeigt zwei Dinge gleichzeitig: ein Wachstum, das es in dieser Form noch nie gab – und eine Lücke zur angestrebten Bewertung von 2 Billionen Dollar, die grösser ist, als die Schlagzeile vermuten lässt.
Der annualisierte Umsatz – die sogenannte Run Rate, also der auf ein Jahr hochgerechnete Umsatz eines kurzen Zeitraums – ist zwischen Mai und Juli um 38 Prozent gestiegen. Ende 2025 lag er noch bei rund 9 Milliarden Dollar. Das ist eine Versiebenfachung in sieben Monaten.
Auch die harten Quartalszahlen passen ins Bild: Im zweiten Quartal setzte Anthropic laut Bloomberg-Dokumenten, über die Axios berichtete, vorläufig über 11,5 Milliarden Dollar um – nach 4,73 Milliarden im ersten Quartal. Zum Vergleich: OpenAI liegt laut FT bei einer annualisierten Run Rate von gut 40 Milliarden Dollar, mit einem Plus von 35 Prozent im bisherigen Quartal. Den Umsatzvorsprung von Anthropic hatten wir .
Ein Detail geht dabei unter: Externe Tracker hatten Anthropic vor der offiziellen Zahl höher verortet – der Dienst TickerTrends etwa bei rund 74 Milliarden. Anthropic dürfte seine Umsatzdefinition vor der Börsennotierung enger fassen.
Die interessanteste Zahl des Berichts ist keine Umsatzzahl. Anthropic hat im zweiten Quartal seinen ersten bereinigten operativen Gewinn erzielt und erwartet, auch im dritten Quartal profitabel zu bleiben – gerechnet nach demselben Modell. Für ein Frontier-Labor, das seit Jahren Milliarden in Training und Rechenkapazität steckt, ist das eine Zäsur.
Dazu kommt ein Wert, der für Investoren fast noch aussagekräftiger ist: 6'000 Kunden geben jährlich mindestens 100'000 Dollar aus. Das ist keine Konsumenten-Story mehr, das ist ein Enterprise-Geschäft mit echter Tiefe.
Warum ist das trotzdem zu wenig? Weil die Bewertung eine andere Sprache spricht. Anthropic strebt beim Börsengang 2 Billionen Dollar oder mehr an und würde damit den Rekord von SpaceX brechen, das im Juni bei 1,77 Billionen an die Nasdaq ging – wir hatten berichtet. Für 2028 projiziert Anthropic laut einem Reuters-Bericht 190 bis 200 Milliarden Dollar Umsatz. Das entspricht rund dem Zehnfachen des Umsatzes als Bewertungsmultiplikator – vertretbar, aber nur, wenn Anthropic den heutigen Umsatz bis dahin verdreifacht.
Und genau da setzt der FT-Bericht den Hebel an. Das teuerste Modell, Fable 5, kommt gut zwei Monate nach dem Start laut Ramp-Daten nur auf rund 11 Prozent der Anthropic-Ausgaben; das günstigere Opus 5 hat es der FT zufolge kurz nach seinem Start Ende Juli bereits überholt. Über die schwache Fable-5-Adoption hatten wir bereits berichtet – neu ist, dass diese Zahl jetzt direkt neben der Bewertung steht. Wenn Firmen den Aufpreis für das jeweils beste Modell nicht mehr zahlen, bricht die Annahme weg, auf der das ganze Wachstumsmodell ruht.
«Die meisten müssen gar nicht an der Grenze des technisch Machbaren arbeiten», sagt Miles Clements, Partner beim Wagniskapitalgeber Accel, gegenüber der Financial Times.
Für die Schweiz ist das mehr als Fernbeobachtung. Zu den frühesten Anthropic-Investoren gehört laut NZZ ein Basler Verein: das Center for Emerging Risk Research, heute Macroscopic Ventures, gegründet von effektiven Altruisten. Der Verein stieg in der Series A im Mai 2021 ein. Die gesamte Series-A-Gruppe hält heute noch rund 3 Prozent an Anthropic – bei einer 2-Billionen-Bewertung wären das rechnerisch etwa 60 Milliarden Dollar für diese Investorengruppe. Zum Investment selbst schweigt der Verein derzeit mit Verweis auf die Quiet Period vor dem IPO.
Der zweite Schweiz-Bezug betrifft dein Vorsorgedepot. Als SpaceX im Juni an die Nasdaq ging, griffen die Fast-Track-Regeln der Indexanbieter: Die Aufnahme in MSCI USA, MSCI World und MSCI ACWI wurde spätestens am dritten Handelstag angekündigt und war nach Handelsschluss am zehnten Tag wirksam – die übliche Dreimonatsfrist wurde ausgesetzt, wie der Indexdatenspezialist Rimes dokumentiert. Der S&P 500 dagegen verlangt zwölf Monate Börsenzugehörigkeit und vier profitable Quartale nach US-Rechnungslegung.
Konkret heisst das: Wer in der Schweiz einen MSCI-World-ETF in der Säule 3a hält, hätte ein Anthropic-Listing dieser Grössenordnung binnen weniger Wochen im Portfolio – ohne eine einzige Kaufentscheidung. Ob die 2-Billionen-Rechnung aufgeht, ist dann nicht mehr nur die Frage von Wagniskapitalgebern in Kalifornien.
Laut einem Bericht von The Information verhandelt Nvidia über eine Beteiligung an Perplexity – bei einer Bewertung von über 30 Milliarden Dollar. Bestätigt ist nichts: Alle Meldungen gehen auf diesen einen Bericht mit anonymen Quellen zurück. Aufschlussreicher als das Gerücht ist das Muster dahinter – Nvidia investiert seit Jahren in die eigenen Kunden.