404 Media hat einen AirTag in eine Bestellung von 1'000 seltenen Büchern gelegt und die Sendung durch vier US-Bundesstaaten verfolgt – bis in ein Amazon-Lager in Las Vegas, wo Mitarbeitende Buchrücken abschneiden und die losen Seiten scannen. Laut der Recherche vom 17. August 2026 landen die Scans im Training von Amazons Nova-Modellen. Die Bücher überleben den Vorgang nicht.
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Gedruckte, seltene Texte sind für KI-Firmen wertvoll, weil sie oft nirgends online stehen und aus der Zeit vor 2022 stammen. In der Schweiz kannst du diesem Training nicht einmal widersprechen – ein Opt-out wie in der EU kennt das Urheberrechtsgesetz nicht.
Amazon kauft gedruckte Bücher in grossen Mengen, schneidet ihnen die Rücken ab, scannt die losen Seiten und entsorgt den Rest. Belegt hat das eine Recherche des US-Magazins 404 Media vom 17. August 2026: Die Redaktion liess einen Buchhändler einen Apple AirTag in eines von 1'000 bestellten seltenen Büchern legen und verfolgte die Sendung quer durch die USA – bis in ein Amazon-Lager in Las Vegas, wo die Scans laut der Recherche als Trainingsdaten für Amazons Nova-Modelle enden.
Der Verdacht kam vom Händler selbst: eine Bestellung über 1'000 Bücher auf einen Schlag, scheinbar wahllos zusammengewürfelt, alle mit ISBN – aufgegeben über den Marktplatz Biblio, auf dem Käufer anonym bleiben können. Also legte er einen AirTag zwischen die Seiten.
Die Reise führte von Kalifornien nach Milwaukee, weiter nach Grand Junction in Colorado und nach einigen Wochen nach Nevada: ins Amazon-Lager LAS8 im Nordosten von Las Vegas, das nach aussen Bücher druckt. Im Nordteil des Gebäudes passiert das Gegenteil.
Dieser Bereich heisst VGT3, über seinem Eingang hängt ein Tyrannosaurus Rex, der ein Buch in der Hand hält. «Ich arbeite hier in Vegas bei VGT3, und wir scannen nur Bücher», schrieb ein Angestellter in einem Amazon-Mitarbeiterforum, zitiert von 404 Media. «Manche sind zum Schneiden eingeteilt, andere zum Wareneingang, wo sie die Barcodes scannen.»
Ohne Rücken laufen die Seiten schneller durch den Scanner, die Reste werden weggeworfen. Amazon sagte dazu einen einzigen Satz: Man kaufe Bücher «über kommerzielle Kanäle, um die Produkte und Dienste zu entwickeln und zu verbessern, die unsere Kundinnen und Kunden nutzen».
Warum ausgerechnet gedrucktes Material? Weil sein Inhalt oft nirgends online steht – und aus der Zeit vor 2022 stammt, also garantiert nicht von einer KI geschrieben wurde. Dass die Angestellten jede ISBN scannen, stützt eine Vermutung, die im Buchhandel längst kursiert: dass KI-Firmen die Nummernliste systematisch abarbeiten wollen.
«Es gibt verschiedene Arten von Wert. Den monetären natürlich, aber auch historischen, intellektuellen, sentimentalen Wert. Und all das interessiert die KI-Firmen nicht – sie wollen nur den Inhalt als eine Aneinanderreihung von Wörtern.» – der Buchhändler gegenüber 404 Media
Neu ist das Verfahren nicht. Anthropic betrieb dasselbe unter dem Namen «Project Panama», bekannt aus einer Sammelklage von Autorinnen und Autoren. Richter William Alsup entschied im Juni 2025, das Einscannen rechtmässig gekaufter Bücher sei Fair Use – gerade weil die Originale zerstört und nicht weiterverkauft würden. Für die über sieben Millionen raubkopierten Bücher galt das nicht: Diesen Teil legte Anthropic für 1,5 Milliarden Dollar bei, rund 3'000 Dollar je Werk für über 482'000 Titel.
Amazons erster Griff nach Trainingsmaterial ist das nicht: Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der Konzern auch Twitch-Streams für sein KI-Training nutzt – mit gut verstecktem Opt-out. In der Schweiz gäbe es diesen Schalter gar nicht erst.
Fair Use kennt das Schweizer Recht nämlich nicht, Alsups Urteil hilft hier also niemandem. Dafür gibt es die Wissenschaftsschranke in Artikel 24d URG: Sie erlaubt sogar vollständige Kopien, wenn sie der wissenschaftlichen Forschung dienen und der Zugang rechtmässig ist – ausdrücklich auch kommerziell und ohne Vergütung. Ob das Training eines Sprachmodells überhaupt als Forschung zählt, ist die offene Kernfrage.
Entscheidend für dich: Anders als das EU-Recht gibt das Schweizer Urheberrecht Rechteinhabern kein Opt-out. Wer hier ein Buch schreibt, kann dem Text-Mining laut den Juristen David Rosenthal und Livio Veraldi im Fachjournal Jusletter gar nicht wirksam widersprechen. Und ein Detail, das Schweizer Antiquariate kennen dürften: ZVAB und AbeBooks, zwei der grössten Plattformen für antiquarische Bücher, gehören zu Amazon. Über welche Kanäle der Konzern einkauft, sagt er nicht – die verfolgte Sendung lief über den unabhängigen Marktplatz Biblio.
Anthropic entschärft seine umstrittene Speicherpflicht: Die 30 Tage bleiben, aber die Daten sollen künftig in der Cloud des Kunden liegen. Laut Reuters haben über 100 Kunden am System mitgebaut – Anthropic selbst hatte die Regel im eigenen Risk Report als «unpopulär» bezeichnet. Für Schweizer Firmen verschiebt sich damit die entscheidende Frage von «wie lange» zu «bei wem».