OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft, SAP und über hundert weitere Firmen warnen in einem offenen Brief vor KI-gestützten Angriffen auf Spitäler, Wasserwerke und Internet-Infrastruktur. Der Brief nennt weder Frist noch Betrag – bewirbt aber Produkte, die die Unterzeichner selbst verkaufen.
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Die Warnung ist berechtigt, der Absender interessiert: Der ehrlichste Satz des Briefs betrifft nicht KI, sondern Altlasten – ungepatchte Software und schwache Authentifizierung.
OpenAI hat am 27. August 2026 einen offenen Brief zur Cyberabwehr publiziert, den über hundert Unternehmen mitunterzeichnet haben – darunter Anthropic, Google, Microsoft, AWS, IBM, SAP, Deutsche Telekom, Mastercard und die Zurich Insurance Company. Die Kernaussage: KI-gestützte Cyberangriffe würden «in den kommenden Monaten» deutlich verbreiteter und ausgefeilter, und die Dienste, auf die Gemeinschaften angewiesen sind – «von Spitälern über Kläranlagen bis zur Infrastruktur, die das Internet betreibt» – seien gefährdet. Auf der Unterzeichnerliste standen am 28. August 118 Namen.
Der Brief teilt seine Forderungen auf vier Gruppen auf. Jede Organisation soll Cyberabwehr zur Chefsache machen und mit der Dringlichkeit eines laufenden Vorfalls behandeln – ausdrücklich inklusive höherer Sicherheitsansprüche an KI-generierten Code. Security-Firmen sollen ihre Abwehr laufend gegen Frontier-Fähigkeiten testen und KI-Verteidigung für Betreiber kritischer Infrastruktur bezahlbar und einsetzbar machen. Regierungen sollen international koordinieren, Abwehr finanzieren – «beginnend bei den Diensten, denen Personal und Budget fehlen» – und Angreifern Kosten aufbürden. Und Frontier-AI-Firmen sollen sicherstellen, dass «agentische Identitäten nachverfolgbar und rechenschaftspflichtig» sind.
Was fehlt: eine Frist, eine Zahl, eine Zusage. Der Brief nennt weder ein Datum noch einen Betrag – nur ein «begrenztes Zeitfenster», in dem die Verteidiger noch im Vorteil seien.
Die Koalition ist breit, aber nicht vollständig. Auf der Unterzeichnerliste fehlen Meta, xAI, Apple, Nvidia, Mistral und Salesforce – ebenso sämtliche chinesischen Labore wie DeepSeek, Alibaba oder Moonshot. Amazon ist nur über AWS vertreten. Dass Meta fehlt, ist besonders auffällig: TechCrunch zählt Agenten von Anthropic und Meta zu jenen, die zuletzt bei fremden Firmen eingebrochen sind. Unterschrieben hat dafür Hugging Face – ausgerechnet das Unternehmen, in dessen Produktivsysteme OpenAIs eigene Agenten eindrangen. Wie das ablief, haben wir gestern anhand des technischen Reports auseinandergenommen.
TechCrunch weist auf die «widersprüchliche Position» der Unterzeichner hin: Dieselben Firmen, die vor immer fähigeren Modellen warnen, bauen sie weiter – und verkaufen zugleich die Abwehr dagegen. OpenAI hat im August das Cyber-Modell Daybreak lanciert, Anthropic im April Mythos, Microsoft im Juli die Plattform Perception. Dazu kommt, dass ein grosser Teil der Liste aus Sicherheitsanbietern besteht – CrowdStrike, Palo Alto Networks, Zscaler, Fortinet, SentinelOne, Sophos, Darktrace. Der Brief fordert wörtlich einen «Schub an Werkzeugen und Ressourcen» für unterfinanzierte Sicherheitsteams. Das ist sachlich richtig und zugleich die Beschreibung eines Absatzmarktes.
Bemerkenswert ehrlich ist dagegen die Ursachenanalyse: Der Brief nennt als Hauptproblem nicht KI, sondern Altlasten – ungepatchte Software, zu weite Berechtigungen, schwache Authentifizierung, technische Schulden in Legacy-Systemen. Das lässt sich nicht mit einem Frontier-Modell kaufen.
Der Brief bleibt vage, die Schweizer Regeln sind es nicht. Seit dem 1. April 2025 müssen Betreiberinnen kritischer Infrastrukturen – Energie- und Trinkwasserversorger, Transportunternehmen, kantonale und kommunale Verwaltungen – einen Cyberangriff innert 24 Stunden dem Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) melden; Details dürfen innert 14 Tagen nachgereicht werden. Seit dem 1. Oktober 2025 sind Verstösse mit bis zu 100'000 Franken Busse belegt.
Die Zahlen zeigen, wohin es geht: In den ersten sechs Monaten der Meldepflicht gingen laut BACS 164 Meldungen ein. Im ersten Halbjahr 2026 waren es bereits 200 – rund ein Fünftel mehr. Am häufigsten meldeten Betreiber Hacking-Vorfälle (rund 26 %), gefolgt von Diebstahl von Zugangsdaten (13,5 %) sowie Datenabflüssen und DDoS-Angriffen (je 12,7 %). Dass KI diese Kurve mit antreibt, ist inzwischen mehrfach belegt.
Wie konkret die Bedrohung ist, zeigte eine Woche vor dem Brief eine gemeinsame Warnung von NSA, CISA, FBI, Energieministerium und Umweltbehörde: Angreifer schreiben mit KI Exploit-Skripte gegen Siemens-S7-Steuerungen in Wasserwerken, Kraftwerken und Chemieanlagen. «Das ist kein theoretisches Risiko – es ist eine aktive Bedrohung», heisst es dort. Solche Steuerungen stehen auch in Schweizer Anlagen.
Für dich als KMU ohne KRITIS-Status ändert der Brief formal nichts – die Meldepflicht gilt nicht für dich. Die Liste der Altlasten aber schon. Und die Punkte, die der Brief zuoberst nennt, kosten kein KI-Abo: Patches einspielen, Berechtigungen zusammenstreichen, Multi-Faktor-Authentifizierung erzwingen, Steuerungssysteme vom offenen Internet trennen. Wer darauf wartet, dass die Unterzeichner ein Produkt liefern, wartet auf den zweiten Schritt vor dem ersten.