Das ETH-Spin-off Gravis Robotics rüstet bestehende Bagger von Caterpillar bis Volvo zu autonomen Maschinen um – und ist nach der grössten Series A der Baurobotik-Geschichte eine Milliarde Dollar wert.
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Die grösste Series A der Baurobotik-Geschichte geht an ein 75-Personen-Team aus dem ETH-Robotiklabor. Die Wette dahinter: Nachrüsten schlägt Neubauen.
Das Zürcher ETH-Spin-off Gravis Robotics hat am 17. August 2026 eine Series-A-Runde über 200 Millionen US-Dollar bekannt gegeben – gestemmt von einem einzigen Geldgeber, dem japanischen Konzern SoftBank. Laut «Inc.», dem die Runde exklusiv vorlag, liegt die Bewertung bei einer Milliarde Dollar post money. Damit wird eine Firma, die es erst seit 2022 gibt und rund 75 Leute beschäftigt, über Nacht zum jüngsten Schweizer Robotik-Unicorn. Gravis baut dabei keine eigenen Maschinen, sondern rüstet bestehende Bagger nach – nach Firmenangaben in der grössten Series A, die es in der Baurobotik je gab.
Fast die gesamte sogenannte Physical AI – also KI, die nicht im Chatfenster, sondern in echter Hardware steckt – arbeitet in statischen Welten. Ein Robotaxi weicht Hindernissen aus, ein Lagerroboter schiebt Kisten: Beide lassen ihre Umgebung unangetastet. Ein Bagger macht das Gegenteil. Sein ganzer Job besteht darin, den Untergrund mit jedem Löffelzug zu zerlegen und neu zu formen – inklusive versteckter Steine, wechselnder Bodenarten und Regen von gestern.
«Erfahrene Maschinisten lesen die Erde über feine physische Rückmeldungen – sie hören den Motor ächzen, spüren die Vibration und reagieren auf den Hydraulikwiderstand.» — Dominic Jud, Mitgründer und CTO von Gravis Robotics
Gravis' Antwort ist Training in der Simulation: Milliarden Kubikyards virtuelle Erde, von weichem Lehm bis steinigem Boden, sollen die Lücke zwischen Simulation und Realität schliessen. Die Telemetriedaten der echten Maschine wertet die KI laut Jud im Mikrosekundentakt aus.
Was Gravis verkauft, ist deshalb kein Bagger, sondern ein Bausatz: der Gravis Rack, ein flacher Kasten aus Sensoren, Rechenleistung und Software, der oben auf die Maschine geschraubt wird. Er ist bewusst herstellerunabhängig gebaut:
Dazu kommt ein Zwischenschritt, der oft untergeht: Mit Gravis Copilot bleibt der Maschinist in der Kabine und bekommt 3D-Führung und Gefahrenwarnung aufs Display. Erst bei voller Autonomie steigt er aus – und überwacht dann mehrere Maschinen gleichzeitig.
Gegründet wurde Gravis 2022 aus dem Robotic Systems Lab der ETH Zürich, von CEO Ryan Luke Johns und CTO Dominic Jud, die sich in ebendiesem Labor kennenlernten. Dritter Mitgründer und Verwaltungsratsmitglied ist Marco Hutter, Robotik-Professor an der ETH – in der Schweizer Szene ein Name mit Gewicht, denn er hat unter anderem auch ANYbotics mitgegründet, den Zürcher Hersteller des vierbeinigen Inspektionsroboters ANYmal.
Der Hauptsitz bleibt Zürich, dazu kommen Büros in Austin (Texas) und Oxford. Und es gibt eine handfeste Schweizer Verbindung im Geschäft: Der Baustoffkonzern Holcim war bei der Vorrunde über 23 Millionen Dollar im November 2025 als Investor an Bord – neben IQ Capital und Zacua Ventures – und gehört heute zu den Kunden. Mit den neuen 200 Millionen kommt Gravis auf rund 223 Millionen Dollar eingesammeltes Kapital.
Die Zahl, mit der Gravis wirbt, lautet: bis zu 30 Prozent mehr Produktivität gegenüber manuellem Spitzenbetrieb. Bevor du sie für bare Münze nimmst – das ist eine Firmenangabe, und ein Unabhängiger bremst. Vineet Kamat, Professor für Bauautomatisierung an der University of Michigan, sagte gegenüber «Inc.», für eine belastbare Aussage brauche es vergleichbare Maschinengrössen, erfahrene Maschinisten, ähnliche Boden- und Wetterverhältnisse – und den kompletten Arbeitsablauf statt nur die reine Grabzeit. Auch Rüstzeit, Aufsicht, Nacharbeit, Ausfälle und Wartung gehörten in die Rechnung.
CEO Johns relativiert die Autonomie-Erwartung selbst: «Es geht nicht darum, die Maschinisten aus der Maschine zu holen», sagt er. Sondern darum, dass eine Person mehrere hochproduktive Maschinen betreibt.
Der Druck hinter dem Geschäftsmodell ist echt: Die weltweite Bauleistung lag 2023 laut McKinsey bei rund 13 Billionen Dollar – die Produktivität der Branche stieg zwischen 2000 und 2022 aber nur um 10 Prozent, während die Industrie um 90 Prozent zulegte. Allein in den USA fehlen 2026 nach Schätzung des Verbands Associated Builders and Contractors 349'000 Bauarbeiter.
Trotzdem bleibt eine 200-Millionen-Series-A für eine vierjährige Firma eine Ansage. Bloomberg hatte wenige Wochen zuvor berichtet, SoftBank prüfe eine Übernahme, die Gravis mit über 500 Millionen bewerten würde – daraus wurde nun eine Beteiligung bei doppelter Bewertung. SoftBanks Robotik-Bilanz ist gemischt: Der Konzern übernimmt ABBs Industrierobotik-Sparte für 5,375 Milliarden Dollar und bündelt rund 20 Beteiligungen in einer Gesellschaft namens Robo HD, hat mit dem Serviceroboter Pepper aber auch schon einen Fehlschlag erlebt, dessen Produktion nach schwachen Verkäufen gestoppt wurde. Und die Konkurrenz ist finanziert: Bedrock Robotics, gegründet von ehemaligen Waymo-Leuten, holte im Februar 270 Millionen Dollar bei 1,75 Milliarden Bewertung.
Der für die Schweiz interessantere Wert ist ohnehin nicht die Milliarde, sondern die Adresse: Die Software, die weltweit Bagger steuern soll, entsteht in Zürich – und ein Teil des Geldes fliesst laut Gravis ins Einstellen. Bis November soll die Technologie in sieben Ländern laufen. Wenn du in den nächsten Monaten auf einer Baustelle einen Bagger mit einem flachen Kasten auf dem Dach siehst: Die Chance ist gut, dass darin Zürcher Code läuft.

Das Universitätsspital Lausanne koordiniert ein nationales KI-Projekt, das Schweizer Spitälern helfen soll, systematisch aus kritischen Zwischenfällen zu lernen. Der Bund zahlt dafür rund 480'000 Franken. Getestet wird der KI-Assistent in drei Sprachregionen gleichzeitig.