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SRG blockiert KI-Crawler und will ihr Archiv für Apertus öffnen

Seit August weist die SRG auf srf.ch, rts.ch und rtr.ch über 20 KI-Trainingsbots ab — Live-Abrufe für KI-Antworten bleiben ausdrücklich erlaubt. Gleichzeitig verhandelt sie mit ETH Zürich und EPFL darüber, ihr Archiv mit rund 2 Millionen Stunden Radio- und TV-Material dem offenen Schweizer Modell Apertus zu überlassen. Andere Medienhäuser lassen sich ihre Archive für zweistellige Millionenbeträge abkaufen.

Pascal Eugster
Pascal Eugster
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10. AUGUST 2026
5 MIN. LESEZEIT
Illustration eines Rundfunkarchivs mit Tonbandmaschine und geschlossenem Gittertor, kinewsletter.ch Stil
Illustration eines Rundfunkarchivs mit Tonbandmaschine und geschlossenem Gittertor, kinewsletter.ch Stil
INHALT
0123 Einträge, ein einziges Disallow02Trainieren verboten, zitieren erlaubt03Zwei Millionen Stunden, die kein Modell kennt04Andere lassen sich ihr Archiv abkaufen05Spät dran, nicht vorne dran06Was Apache 2.0 offenlässt
INHALT
0123 Einträge, ein einziges Disallow02Trainieren verboten, zitieren erlaubt03Zwei Millionen Stunden, die kein Modell kennt04Andere lassen sich ihr Archiv abkaufen05Spät dran, nicht vorne dran06Was Apache 2.0 offenlässt
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Die SRG zieht eine Grenze, die kaum jemand so gezogen hat: Training verboten, Zitieren erlaubt — und das grösste audiovisuelle Archiv der Schweiz soll nicht an den Meistbietenden gehen, sondern an eine Schweizer Hochschule.

Die SRG hat still eine Grenze gezogen. Seit August 2026 weist sie auf srf.ch, rts.ch und rtr.ch die Trainings-Crawler der grossen KI-Firmen ab — über 20 Bots von OpenAI, Google, Anthropic, Meta, ByteDance und anderen stehen dort auf «Disallow». Gleichzeitig verhandelt sie mit der ETH Zürich und der EPFL darüber, ihr Archiv mit rund 2 Millionen Stunden Radio- und TV-Material dem offenen Schweizer KI-Modell Apertus zur Verfügung zu stellen. Öffentlich gemacht hat das SRG-Generaldirektorin Susanne Wille am 8. August in einem Interview mit der NZZ am Sonntag.

23 Einträge, ein einziges Disallow

Eine Medienmitteilung dazu gibt es nicht. Den Beleg findest du in einer Datei, die sonst niemand liest: der robots.txt von srf.ch. Eine robots.txt ist die Hausordnung einer Website für automatische Besucher — sie sagt Crawlern, was sie anschauen dürfen und was nicht. Bei SRF, RTS und RTR steht dort ein Abschnitt mit der Überschrift «AI Training», und darunter standen am 10. August 23 Einträge: GPTBot (OpenAI), ClaudeBot (Anthropic), Google-Extended, Amazonbot, Bytespider (ByteDance), Meta-ExternalAgent, Grokbot (xAI), CCBot von Common Crawl und weitere. Alle mit derselben Anweisung: «Disallow: /».

Dass die Sperre neu ist, lässt sich nachweisen: Ein archivierter Stand der SRF-Datei vom 10. Februar 2026 enthält den Block noch nicht. Beim Auslandsangebot swissinfo.ch fehlt er bis heute — die Sperre ist also nicht ganz konzernweit ausgerollt.

Trainieren verboten, zitieren erlaubt

Der eigentlich interessante Satz steht im Kleingedruckten derselben Datei. Die SRG verbietet das Sammeln ihrer Inhalte «for the purpose of training, fine-tuning, or otherwise developing artificial intelligence models» — nimmt davon aber ausdrücklich den Zugriff für Retrieval-Augmented Generation aus, sofern die Quelle genannt wird. RAG heisst: Der Assistent lernt den Inhalt nicht auswendig, sondern ruft ihn im Moment der Frage live ab und zitiert ihn.

Für dich als ChatGPT- oder Claude-Nutzer heisst das: SRF-Inhalte verschwinden nicht aus den Antworten deines Assistenten, sie sollen bloss nicht mehr im Modellgedächtnis landen. Wille dazu: «Unser Ziel ist nicht die Abschottung. Sondern dass wir mit den Tech-Plattformen Bedingungen verhandeln können.»

Der Haken: Eine robots.txt ist eine Bitte, keine Mauer. IAB-Tech-Lab-Chef Anthony Katsur sagte gegenüber Press Gazette, solche Direktiven liessen sich ignorieren oder über Drittfirmen umgehen, die das Scraping übernehmen.

Zwei Millionen Stunden, die kein Modell kennt

Warum ausgerechnet Apertus? Das offene Modell von ETH, EPFL und dem Supercomputing-Zentrum CSCS ist in der Version 1.5 seit dem 24. Juli verfügbar und versteht neu Bilder nativ (wir haben Apertus 1.5 hier ausführlich beschrieben). Gesprochene Sprache verarbeitet es laut Projektdokumentation aber erst experimentell.

Genau diese Lücke füllt das SRG-Archiv. Allein SRF lagert nach eigenen Angaben über 1 Million Stunden Audio und rund 250'000 Stunden Video; archiviert wird seit den 1930er-Jahren, als das Schweizer Radio entstand. Das ist gesprochenes Schweizerdeutsch und Rätoromanisch in einer Menge, die es sonst nirgends gibt — Schweizerdeutsch ist eine primär gesprochene Varietät ohne einheitliche Schriftform, saubere Audiodatensätze dazu sind rar.

Imanol Schlag, Leiter der technischen Entwicklung von Apertus an der ETH Zürich, nennt das Material «sehr wertvoll»: «Genau solche Daten fehlen heute in praktisch allen KI-Modellen.» Damian Borth, KI-Professor an der Universität St. Gallen, wird deutlicher:

Mit dem eingespeisten SRG-Archiv wird Apertus die Schweiz künftig besser kennen als ChatGPT oder Claude.

Andere lassen sich ihr Archiv abkaufen

Der Kontrast macht die Geschichte. Die New York Times liess sich ihr Material im Mai 2025 von Amazon lizenzieren — laut Axios für 20 bis 25 Millionen Dollar pro Jahr. News Corp kassiert von OpenAI über 250 Millionen Dollar in fünf Jahren, Axel Springer 25 bis 30 Millionen in drei. Die SRG verlangt für ihr Archiv: nichts. Wille begründet das mit der Herkunft des Geldes: «Es gehört den Schweizerinnen und Schweizern, sie haben es finanziert. Und es gehört in ein transparentes, schweizerisches Umfeld.»

Das fällt in eine Zeit, in der die SRG bis 2029 rund 270 Millionen Franken sparen und gegenüber 2024 900 Stellen abbauen muss — das Sparprogramm läuft weiter, obwohl die Halbierungsinitiative am 8. März 2026 mit 61,95 Prozent Nein abgelehnt wurde. Ein Lizenzdeal wäre dort spürbar. Die SRG verzichtet trotzdem.

Spät dran, nicht vorne dran

International ist der Schritt keine Pioniertat, sondern Aufholen. Eine Auswertung von Press Gazette und Buzzstream vom Januar 2026 zeigt: 79 Prozent von knapp 100 der grössten Nachrichtenseiten in Grossbritannien und den USA blockieren mindestens einen Trainings-Crawler, 71 Prozent sperren zusätzlich die Live-Abruf-Bots — also genau das, was die SRG bewusst erlaubt. Die NZZ hielt Wille im Interview entsprechend vor, sie habe lange zugesehen, wie SRG-Material ungehindert abfliesst.

Was Apache 2.0 offenlässt

Fix ist noch nichts. Die SRG und die ETH klären laut NZZ derzeit rechtliche Fragen — welche genau, sagt keine der beteiligten Institutionen. Naheliegend sind Rechte an Ko-Produktionen, Ansprüche der Verwertungsgesellschaften und der Persönlichkeitsschutz für Stimmen und Gesichter aus 90 Jahren Programm. Erst danach, so Schlag, könnte eine Umsetzung «innert Monaten» folgen.

Eine Frage stellt bisher niemand: Apertus steht unter der Apache-2.0-Lizenz, die auch uneingeschränkte kommerzielle Nutzung durch Dritte erlaubt — weltweit. Fliesst ein gebührenfinanziertes Archiv in ein solches Modell, bleibt die Hoheit über das Training in der Schweiz, über die Nutzung des Ergebnisses aber nicht. Kein Vorwurf — aber die Frage, die vor der ersten Sendeminute im Trainingslauf beantwortet sein sollte.

Quellen

NZZ am Sonntag: «Wir müssen uns verteidigen» – warum Susanne Wille sich gerade mit der ETH verbündet↗ EXTERNER LINKSRF robots.txt mit AI-Training-Block und RAG-Ausnahme↗ EXTERNER LINKpersoenlich.com: SRG-Archiv soll Schweizer KI trainieren↗ EXTERNER LINKKlein Report: SRG will ihre Daten Schweizer KI Apertus zur Verfügung stellen↗ EXTERNER LINKSwiss AI Initiative: Apertus 1.5↗ EXTERNER LINKETH AI Center: Apertus 1.5 – Building the next generation of open AI infrastructure↗ EXTERNER LINKSRF: Audio- und Videomaterial – Der Schatz des SRF im Archiv-Roboter↗ EXTERNER LINKSRG SSR: Die SRG öffnet ihre Archive auf Memobase↗ EXTERNER LINKPress Gazette: Eight in ten of world's biggest news websites now block AI training bots↗ EXTERNER LINKAxios: New York Times signs AI licensing deal with Amazon↗ EXTERNER LINKSRG SSR: KI-Reglement↗ EXTERNER LINK
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