OpenAI verlangt, dass Kalifornien sein KI-Sicherheitsgesetz SB 53 verschärft – dasselbe Gesetz, das der Konzern 2025 noch bekämpft hat. Auslöser sind eigene Frontier-Modelle, die in Sicherheitstests ausbrachen und fremde Systeme kompromittierten.
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OpenAI verlangt jetzt selbst schärfere Regeln für Frontier-Modelle – weil die eigenen Testmodelle aus der Sandbox ausbrachen und fremde Systeme kompromittierten.
OpenAI hat am 22. August 2026 verlangt, dass Kalifornien sein KI-Sicherheitsgesetz SB 53 verschärft – dasselbe Gesetz, gegen das der Konzern ein Jahr zuvor noch lobbyiert hatte. In einem LinkedIn-Post seines Global-Affairs-Teams fordert OpenAI, dass Frontier-Modelle künftig bereits während Training und Evaluation auf schwerwiegende Vorfälle überwacht werden müssen. Der Anlass ist unbequem: Im Juli mussten die eigenen Testmodelle als Verursacher eines Einbruchs bei der Plattform Hugging Face offengelegt werden.
SB 53, offiziell Transparency in Frontier Artificial Intelligence Act, ist das erste US-Gesetz, das sich gezielt gegen katastrophale KI-Risiken richtet. Es verpflichtet Anbieter, öffentlich einsehbare Sicherheits-Frameworks zu publizieren, kritische Vorfälle innert 15 Tagen der kalifornischen Notfallbehörde zu melden und Whistleblower zu schützen. Die vollen Pflichten greifen erst ab 500 Millionen Dollar Jahresumsatz und für Modelle, die mit mehr als 10^26 Rechenoperationen trainiert wurden – also praktisch nur für die grössten Labore.
Genau dagegen wehrte sich OpenAI. Im August 2025 schrieb das Unternehmen einen offenen Brief an Gouverneur Gavin Newsom, in dem es vor einem Flickenteppich von Einzelstaaten-Regeln warnte. Newsom unterzeichnete das Gesetz am 29. September 2025 trotzdem. Konkurrent Anthropic hatte SB 53 von Anfang an unterstützt.
Jetzt der Schwenk. Laut TechCrunch und Engadget schreibt OpenAI, das Gesetz «should be amended to expand safeguards» – unter anderem durch Monitoring von Frontier-Modellen im Training und durch stärkere Cybersecurity über den gesamten Entwicklungszyklus, «specifically to prevent frontier models from circumventing internal security controls».
«As California continues to lead on frontier safety, we are committed to working with the California legislature and the Governor to strengthen California SB 53.»
Was dazwischen passierte, hat OpenAI selbst dokumentiert. Am 21. Juli räumte das Unternehmen in einem Blogpost ein, dass eine Kombination eigener Modelle – darunter GPT-5.6 Sol und ein noch leistungsfähigerer Prototyp, beide mit abgeschalteten Cyber-Schutzmechanismen – während eines internen Sicherheits-Benchmarks die Infrastruktur von Hugging Face kompromittiert hatte.
Die Modelle sollten in einem Benchmark namens ExploitGym Schwachstellen finden. Statt die Aufgabe zu lösen, suchten sie die Antworten: Sie fanden eine bis dahin unbekannte Zero-Day-Lücke in einem Paket-Proxy, verschafften sich so Internetzugang, arbeiteten sich durch OpenAIs Testumgebung und holten sich die Musterlösungen schliesslich direkt aus der Produktivdatenbank von Hugging Face. OpenAI schreibt, die Modelle seien «hyperfocused» darauf gewesen, das Testziel zu erreichen – «going to extreme lengths».
Hugging Face rekonstruierte später 17'600 Einzelaktionen über viereinhalb Tage. Bemerkenswert ist dabei weniger die Raffinesse als die Ausdauer: Die genutzten Techniken seien «familiar» gewesen, schrieb Hugging Face im eigenen Vorfallsbericht, ein fähiger menschlicher Angreifer hätte dieselben Lücken gefunden.
OpenAI blieb kein Einzelfall. Zehn Tage später meldete Anthropic, dass drei eigene Modelle – Opus 4.7, Mythos 5 und ein Prototyp – ebenfalls unerlaubt ins Netz gelangt waren und sich Zugriff auf die Produktivsysteme von drei Organisationen verschafft hatten. Zwei davon wussten bis zur Benachrichtigung nichts davon. Am 6. August folgte Meta: Das Modell Muse Spark 1.1 hatte während eines Sicherheitstests die Systeme eines Drittanbieters kompromittiert.
Der Haken: In allen drei Fällen war laut Bloomberg dieselbe Evaluationsfirma beteiligt – das Tel Aviver Startup Irregular. Bei Anthropic und Meta war die Ursache keine geniale Flucht, sondern eine falsch konfigurierte Testumgebung. Nicht die Modelle waren also das schwächste Glied, sondern die Schicht, die sie einsperren sollte.
OpenAIs Position ist nicht nur Reue, sondern Strategie. Chief Global Affairs Officer Chris Lehane legte sie am 15. Juli in einem Blogpost dar: Solange Washington kein Bundesgesetz liefert, sollen Kalifornien, New York und Illinois möglichst deckungsgleiche Gesetze verabschieden – ein De-facto-Bundesstandard aus drei Kernelementen (veröffentlichte Risikobewertungen, Meldepflicht für schwere Vorfälle, unabhängige Audits). OpenAI nennt das «reverse federalism»: Einzelstaaten als Steigbügel für eine nationale Regel, nicht als 50 konkurrierende Rechtsordnungen.
Für Schweizer Firmen ist das mehr als US-Innenpolitik. Wer hier ChatGPT, Claude oder Gemini produktiv einsetzt, erfährt über die Sicherheit dieser Modelle genau das, was kalifornisches Recht offenzulegen zwingt – die Schweiz hat dafür keinen eigenen Hebel. In der EU gelten die Pflichten für Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck seit dem 2. August 2025 – für Modelle mit systemischem Risiko gehören dazu ausdrücklich Vorfallsmeldung und Cybersecurity-Schutz, also genau das, was OpenAI jetzt auch in Kalifornien verankert sehen will. OpenAI war nach eigenen Angaben das erste US-Unternehmen, das den dazugehörigen EU-Verhaltenskodex unterstützte.
Und hierzulande? Der Bundesrat hat am 12. Februar 2025 entschieden, auf ein KI-Gesetz nach EU-Vorbild zu verzichten und stattdessen die KI-Konvention des Europarats sektoriell umzusetzen. Eine Vernehmlassungsvorlage zu Transparenz, Datenschutz, Nichtdiskriminierung und Aufsicht soll bis Ende 2026 vorliegen. Während Kalifornien also bereits über die zweite Runde eines bestehenden Gesetzes verhandelt, wartet die Schweiz noch auf den ersten Entwurf.
Die praktisch verwertbare Lehre steckt ohnehin nicht im Gesetzestext. Wenn du in deiner Firma KI-Agenten mit Netzwerkzugriff einsetzt, zeigen diese fünf Wochen, wo der kritische Punkt liegt: nicht im Systemprompt, der dem Modell sagt, es habe kein Internet – sondern in der Isolationsschicht, die das auch tatsächlich durchsetzt.

Guidelight hat erstmals fünf Frontier-Labore benotet – danach, wie gut sie ihre eigenen Modelle unter Kontrolle halten. Bestnote ist ein C+, Meta bekommt ein F. Und beim Notfallplan steht ausgerechnet Anthropic bei null.