Salesforce hat an seiner Hauskonferenz Dreamforce «Koa» vorgestellt, das erste eigene Reasoning-Modell des CRM-Konzerns. Es basiert auf Nvidias offenem Modell Nemotron und ist auf Aufgaben in Vertrieb, Marketing und Kundendienst trainiert. Damit kauft ein Anwendungsanbieter die Denkleistung nicht mehr nur bei OpenAI oder Anthropic ein – er baut sie selbst.
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Offene Gewichte machen es erstmals möglich, dass ein Software-Anbieter sein eigenes spezialisiertes Modell baut, ohne ein Frontier-Labor zu besitzen. Das verschiebt die Wertschöpfungskette.
Salesforce hat am 15. September 2026 an der Dreamforce in San Francisco Koa vorgestellt – das erste eigene Reasoning-Modell des Unternehmens, entwickelt gemeinsam mit Nvidia. Reasoning-Modelle sind KI-Modelle, die eine Aufgabe in Zwischenschritten durchdenken, statt sofort zu antworten. Koa baut laut Salesforce auf Nvidias offenem Modell Nemotron 3 Super auf und ist auf Aufgaben in Vertrieb, Marketing und Kundendienst trainiert. Bemerkenswert ist dabei weniger das Modell als die Richtung: Ein Anwendungsanbieter baut seine Denkmaschine selbst, statt sie bei OpenAI oder Anthropic einzukaufen.
Koa entstand durch sogenanntes Post-Training – ein vorhandenes Basismodell wird gezielt nachtrainiert. Als Basis diente Nemotron 3 Super, das gemäss Nvidias Modellkarte auf Hugging Face insgesamt 120 Milliarden Parameter hat, von denen pro Anfrage rund 12 Milliarden aktiv sind. Salesforce trainierte darauf einen rein synthetischen Datensatz nach, der laut Unternehmensangaben Erfahrungen aus knapp drei Jahrzehnten CRM-Einsätzen in über 14 Branchen nachbildet. Echte Kundendaten seien dabei nicht verwendet worden.
Warum erst jetzt? «Reasoning war immer etwas, wofür wir uns auf die Anbieter der Frontier-Modelle verlassen haben. Bis jetzt», sagte Jayesh Govindarajan, EVP von Salesforce AI, gegenüber TechCrunch. Es habe schlicht kein vortrainiertes Basismodell gegeben, das gleichzeitig aktuell und in seiner Datenherkunft nachvollziehbar gewesen sei.
Hier lohnt das Kleingedruckte: Offen ist die Basis, nicht das Resultat. Nemotron liegt unter der «NVIDIA Nemotron Open Model License» frei auf Hugging Face. Koa dagegen bleibt in Salesforce-Hand – das Unternehmen kontrolliert die Gewichte und betreibt Post-Training wie Inferenz in der eigenen Infrastruktur. Genau das ist das Verkaufsargument: Die Daten der Kunden verlassen die Salesforce-Umgebung nicht.
Zu den Ergebnissen: Im eigenen CRM-Benchmark erreiche Koa die Leistung führender Modelle oder übertreffe sie – bei dreimal weniger Fehlern. Das ist eine Herstellerangabe auf einem selbst definierten Testset. Das begleitende Forschungspapier der Salesforce-Autoren formuliert vorsichtiger: Koa übertreffe eine starke proprietäre Vergleichsbasis, bleibe aber unter den stärksten Frontier-Modellen. Preise nennt Salesforce bisher nicht.
Koa läuft aktuell bei ausgewählten Pilotkunden, darunter Formula 1, Xero, UChicago Medicine und die Baxter Credit Union. Die allgemeine Verfügbarkeit erwartet Salesforce im Winter 2026 – und zwar in US-Regionen. Für Schweizer Agentforce-Kunden heisst das: warten. Das passt schlecht zum Signal vom 7. Juli 2026, als Salesforce eine Investition von einer Milliarde US-Dollar über fünf Jahre in den Schweizer Markt ankündigte; auch inside-it.ch berichtete darüber.
Ganz von den Frontier-Laboren löst sich Salesforce ohnehin nicht: Ende August kündigte das Unternehmen mit Anthropic «Claudeforce» an.
Der eigentliche Kern ist wirtschaftlich. Wer die Anwendung besitzt, besitzt auch das Fachwissen darin – und offene Gewichte machen daraus neuerdings ein eigenes Produkt, ohne ein Milliardenbudget für ein Frontier-Labor. Koa ist kein Einzelfall: ServiceNow stellte bereits im Mai 2025 zusammen mit Nvidia das Modell Apriel Nemotron 15B vor, wie CIO Dive berichtete. Ob SAP, Workday und andere nachziehen, ist offen – belegt ist es nicht.
Für dich als Anwender bedeutet das zweierlei: Spezialmodelle könnten Agenten in Branchensoftware günstiger und verlässlicher machen. Und die Frage «Wo liegen unsere Daten?» verschiebt sich vom KI-Labor zurück zum Software-Anbieter.
OpenAI übernimmt laut einem Bericht des Wall Street Journal das Kamera-Startup Glass Imaging für über 300 Millionen Dollar. Gegründet wurde es von zwei ehemaligen Apple-Ingenieuren, die einst den Porträtmodus entwickelten. Bestätigt hat den Kauf bisher keines der beiden Unternehmen.