Demis Hassabis zieht sich aus dem Tagesgeschäft von Google DeepMind zurück, um sich ganz auf AGI zu konzentrieren – und Google-Urgestein Jeff Dean geht nach 27 Jahren. Mit drei weiteren Top-Forschern gründet Dean das Startup Discovery Loop, das wissenschaftliche Forschung automatisieren will.
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Google verliert an einem Tag seinen prominentesten KI-Kopf aus dem Operativen und seinen dienstältesten Engineering-Star – und das Automatisieren von Forschung wird zum nächsten grossen KI-Feld.
Google DeepMind erlebt den grössten Führungsumbau seiner Geschichte: Demis Hassabis gibt das Tagesgeschäft ab und wird Chair von Google DeepMind sowie Chief Scientist von Alphabet – um sich, wie er am 5. August in einem Memo an die Belegschaft schreibt, ganz auf AGI zu konzentrieren. Gleichzeitig verlässt Jeff Dean, Googles Mitarbeiter Nummer 30 und einer der einflussreichsten Engineers der Firmengeschichte, das Unternehmen nach 27 Jahren. Zusammen mit drei weiteren Google-Schwergewichten gründet er das Startup Discovery Loop, das wissenschaftliche Forschung per KI automatisieren will. Für den Konzern, dessen Gemini-App laut CEO Sundar Pichai gerade die Marke von 950 Millionen monatlichen Nutzern geknackt hat, ist das eine doppelte Zäsur an einem einzigen Tag.
Hassabis hat DeepMind 2010 mitgegründet und seit der Google-Übernahme 2014 zum KI-Maschinenraum des Konzerns ausgebaut. Jetzt übergibt er die operative Führung – nicht, weil das Projekt stockt, sondern weil er das Endspiel gekommen sieht:
«Wir sind an einem entscheidenden Moment der Menschheitsgeschichte angekommen. Ich arbeite mein ganzes Leben auf AGI hin – und jetzt fühle ich, wie viele von euch, dass sie zum Greifen nah ist.»
So beginnt sein Memo, das Google im Firmenblog veröffentlicht hat. AGI steht für Artificial General Intelligence – eine KI, die geistige Arbeit so breit beherrscht wie ein Mensch. Pichai zitiert dazu Hassabis' Bild, man stehe «in den Ausläufern der Singularität». In der neuen Rolle will Hassabis die grossen strategischen Linien mitgestalten, weiterhin von London aus. Zudem verstärkt er sein Engagement bei , der Alphabet-Tochter für KI-gestützte Medikamentenentwicklung – für ihn die wichtigste Anwendung überhaupt: KI solle «endlich Krankheiten wie Krebs heilen» helfen.
Das Tagesgeschäft geht an Koray Kavukcuoglu, bisher Technikchef von Google DeepMind und Chief AI Architect des Konzerns. Als Senior Vice President berichtet er künftig direkt an Pichai und verantwortet die Gemini-Modellentwicklung, die Frontier-Forschung sowie die Gemini-App samt Entwicklerplattformen. Kavukcuoglu ist seit den frühen DeepMind-Tagen an Bord, baute dort das Deep-Learning-Team auf und prägte Durchbrüche wie WaveNet (Sprachsynthese) und DQN (das Atari-spielende Lernsystem). Ein Bruch ist seine Beförderung also nicht – eher die Formalisierung dessen, was intern längst gilt: Die Gemini-Modelle, so Hassabis, seien bei Koray und den Leads «schon eine ganze Weile in guten Händen». Dazu passt seine Ankündigung, man mache «grossartige Fortschritte» mit den neuen Modellen – inklusive Gemini 4. Laut The Decoder ist das ein deutlich grösseres Foundation-Modell, das sich derzeit im Training befindet.
Der zweite Abgang wiegt historisch schwerer: Jeff Dean, seit 1999 bei Google, hat die Suchinfrastruktur mitgebaut, Google Brain mitgegründet und zuletzt als Chief Scientist die Gemini-Modelle mitgeprägt. Jetzt gründet er gemeinsam mit drei weiteren Ex-Googlern eine Public Benefit Corporation – eine Firma, die neben Gewinn auch einen Gemeinwohl-Zweck verfolgt:
Discovery Loop will den kompletten Forschungszyklus automatisieren: Hypothese aufstellen, Experiment durchführen, Ergebnisse auswerten – und das tausendfach parallel statt in langsamen menschlichen Iterationen. Den Anfang macht die ML-Forschung selbst; langfristig zielt die Firma auf grosse Menschheitsaufgaben wie bessere Medikamente oder günstige Solarenergie. «Dann bekommst du sowohl eine höhere Quantität als auch eine höhere Qualität an Experimenten – und das führt zu wissenschaftlichen Durchbrüchen», sagte Dean der New York Times. Die Seed-Runde führen Radical Ventures und Khosla Ventures an, dazu kommen Lightspeed, Kleiner Perkins und Doerr Capital – und Alphabet selbst, das laut Pichai als Founding Investor und Cloud-Partner an Bord bleibt.
Google rahmt den Umbau demonstrativ als Erfolgsgeschichte: 950 Millionen Gemini-Nutzer monatlich, über 900 Millionen Downloads der offenen Gemma-Modelle, dazu die hohe Nachfrage nach Gemini 3.6 Flash. Doch die Häufung der Abgänge ist auffällig: Wie The Decoder auflistet, ging Gemini-Co-Lead Noam Shazeer im Juni zu OpenAI, DeepMind-Veteran David Silver bereits im Februar – und erst letzte Woche hat DeepMind sein AlphaFold-Team aufgelöst. Dass mit Vinyals und Le nun zwei weitere Schlüsselfiguren zu Discovery Loop wechseln, trifft Google mitten im Dauerduell mit OpenAI und Anthropic.
Für dich als Beobachter der Branche sind zwei Signale entscheidend. Erstens: Wenn der wohl renommierteste KI-Labor-Chef der Welt sein Operatives abgibt, weil AGI «zum Greifen nah» sei, ist das eine Wette mit Ansage – ernst nehmen, aber nicht als Fakt verwechseln. Zweitens: «KI, die Forschung automatisiert» entwickelt sich vom Nischenthema zum heissesten Feld der Branche – OpenAI und Anthropic verfolgen ähnliche Pläne, und jetzt steigen mit den vier Discovery-Loop-Gründern einige der meistzitierten KI- und Infrastruktur-Forscher überhaupt ein. Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Wissenschaft beschleunigt, sondern wer den Loop zuerst schliesst.
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